Baal

Der Wiedererkennungswert dieses Abends ist hoch: die düstere Atmosphäre, wallende Nebelschwaden und vor allem die Ganzkörper-Anzüge mit Nacktmotiven, die das gesamte Ensemble außer der Titelfigur trägt, sind Markenzeichen von Ersan Mondtag. Während sich diese Elemente beim „Internat“ in Dortmund zu einem stimmigen Ganzen fügten und die gewünschte Grusel-Mobbing-Atmosphäre schufen, sind sie in Mondtags Berliner „Baal“ nur müde Kopie und Selbstzweck.

Auch seine Regieidee, die meisten Rollen crossgender/spiegelverkehrt zu besetzen, hat Mondtag bereits in seiner Kölner Inszenierung von Schillers „Räubern“ ausprobiert. Die Besetzung von Stefanie Reinsperger als Baal im schwarzen Künstler-Bohemien-Look, Kate Strong als Eckart und Jonas Grundner-Culemann in diversen Rollen als vom Baal missbrauchte und fallengelassene Frau hat einen Überraschungseffekt für Mondtag-Neulinge, ist aber nicht zwingend. Aus ihr folgt nichts und sie ist für den Verlauf des Abends nahezu irrelevant.

Eine bleierne Schwere liegt über dem Abend. Judith Engel huscht in der Doppelrolle als Baals Mutter und Johannes zombiehaft und leichenblass durch den Hintergrund. Wie in Zeitlupe und marionettenhaft bewegt sich das Ensemble, das ein selbstzufriedenes Bürgertum vorführen soll. Die klischeehafteste Figur ist der mit groteskem Fatsuit ausstaffierte Mech (Veit Schubert). Selbstironisch rufen sich die Spieler*innen nach gefühlt vier Stunden, die real allerdings nur knapp zwei Stunden waren, zu: „Wann ist denn nun endlich Pause?“

Dass der „Baal“, den der 20jährige Augsburger Jungdichter schrieb und im Lauf der Jahrzehnte mehrfach überarbeitete, nicht Brechts bestes Stück ist und dementsprechend nur selten gespielt wird, ist kein großes Geheimnis. Das Stück steht und fällt mit der Titelrolle, die z.B. Rainer Werner Fassbinder in Volker Schlöndorffs Verfilmung berserkerhaft ausfüllte und damit Maßstäbe setzte.

BERLINER ENSEMBLE/“Baal“ von Bertolt Brecht, Regie/Bühne: Ersan Mondtag, Mitarbeit Bühne: Marcel Teske, Kostüme: Ersan Mondtag, Annika Lu Hermann, Musik: Eva Jantschitsch, Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin, Licht: Ulrich Eh, Chorleitung: Jonas Grundner-Culemann, Korrepetition: Max Doehlemann

Stefanie Reinsperger lockert den Abend mit einigen Couplets auf und ist ansonsten sehr ausdauernd damit beschäftigt, übel riechenden Qualm ins Publikum ziehen zu lassen. Sie bleibt weit unter ihren Möglichkeiten. Das Energielevel der herausragenden Performance, mit der Matthias Mosbach als „Baal“ in der letzten Spielzeit der Intendanz von Claus Peymann auf der Probebühne des Berliner Ensembles glänzte, erreicht sie an diesem Abend zu keinem Zeitpunkt.

Stattdessen schleppt sich der Abend dahin, brav wird Szene an Szene gereiht, bis dieser „Baal“ nach drei überlangen Stunden durchgestanden ist und von einer enthusiatischen Zuschauerin aus den hinteren Parkett-Reihen mit minutenlangen „Bravo“ und „Wow“-Rufen abgefeiert wird.

Bilder: Birgit Hupfeld

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