Orlando

Einen Klassiker queerer Literatur nahm sich Katie Mitchell zum Saisonauftakt an der Schaubühne vor. Nach dreijähriger Pause inszeniert sie im bewährten Live-Video-Stil die fiktive Biographie des „Orlando“. Virginia Woolf ließ ihre Roman-Hauptfigur durch die Jahrhunderte reisen, Affären durchleben und vor allem zwischen den Geschlechterrollen oszillieren.

Der Roman aus dem Jahr 1927 ist nicht nur eine Hommage an ihre lesbische Partnerin Vita Sackville-West, sondern ein avantgardistisches Anschreiben gegen die starren Geschlechterrollen des Patriarchats. Für Virginia Woolf war „Orlando“ ein Herzensprojekt, bei dem sie sich mit spielerischer Experimentierfreude zwischen schwereren Stoffen austoben konnte, wie sie in den im Programmheft abgedruckten Tagebuchaufzeichnungen notierte.

Von der Brisanz und dem Facettenreichtum des Stoffes ist auf der Bühne jedoch wenig zu spüren. Jenny König ist als androgyne Titelfigur zwar eine vielversprechende Besetzung, aber in ein so enges Regie-Korsett gesperrt, dass sie kaum etwas von ihrem großen Talent zeigen kann.

Während rechts oben Cathleen Gawlich in ihrem Tonstudio sitzt, unmotiviert vor sich hin qualmt und monoton Passagen aus dem „Orlando“-Roman liest, spult Katie Mitchell ihr minutiös geplantes Live-Video-Maschinerie ab, die zu ihrem Markenzeichen wurde.

Das Ensemble aus vielen Gästen und einigen Schaubühnen-Stammkräften ist ständig in Aktion und mit häufigen Kostümwechseln beschäftigt. Die Zeitreise des „Orlando“ wird brav und ohne große Abwechslung zwischen den einzelnen Stationen nacherzählt. Männer und Frauen hetzen durch Crossdresser-Experimente, stehen dazwischen nackt da oder deuten lesbische Liebesszenen an. Statt genauer Figurenzeichnung erleben wir Klischees und Knallchargen.

Orlando by Virginia Woolf Direction: Katie Mitchell In a version of Alice Birch Direction: Katie Mitchell Co-Direction: Lily McLeish Set Design: Alex Eales Costume Design: Sussie Juhlin-Wallen Director of Photograhpy: Grant Gee Video: Ingi Bekk Collaboration Video: Ellie Thompson Music and Sound Design: Melanie Wilson Dramaturgy: Nils Haarmann Lighting Design: Anthony Doran With: İlknur Bahadır, Philip Dechamps, Cathlen Gawlich, Carolin Haupt, Jenny König, Alessa Llinares, Isabelle Redfern, Konrad Singer Camera: Nadja Krüger, Sebastian Pircher Boom Operator: Stefan Kessissoglou

Trotz der ständigen Bewegung wirkt die „Orlando“-Inszenierung sehr statisch und leblos. Zu zäh schleppen sich die zwei Stunden dahin. Technisch beherrscht Mitchell ihr Live-Video-Konzept perfekt, aber dramaturgisch ist ihr Abend nicht überzeugend gebaut.

Bilder: Stephen Cummiskey

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.