Der Boxer

Einen ziemlich schweren Brocken hat sich Ewelina Marciniak vorgenommen: Knapp 500 Seiten dick ist der Roman „Der Boxer“ ihres Landsmanns Szczepan Twardoch.

Im Mittelpunkt steht der Jude Jakub Shapiro (Sebastian Zimmler), der davon träumt, sich nach oben zu boxen. Im Ring feiert er einige Erfolge, ansonsten ist er der Mann fürs Grobe und erledigt von Auftragsmorden bis zum Schutzgeld-Eintreiben alles, was anfällt, für den Unterwelt-Paten Kaplica (Oliver Mallison). Am liebsten widmet er sich jedoch seinen Affären mit den Frauen.

Die Roman-Handlung ist angesiedelt in Warschau kurz vor dem Überfall der Nazis. Der Antisemitismus und der Faschismus werden im Lauf der zweistündigen Handlung, die im historisierenden Stil recht brav nachgezeichnet wird, immer deutlicher spürbar. Als Kassandra mahnt die Prostituierte Ryfke (Rosa Thormeyer) vergeblich, dass sich Shapiro mit ihr in Sicherheit bringen soll.

Das Publikum sitzt ganz nah dran am düsteren Geschehen auf der fast leeren Bühne. Aber auch eine so begabte junge Regisseurin wie Ewelina Marciniak tut sich sichtlich schwer, aus einem dicken Roman einen überzeugenden Theaterabend zu machen.

Die typischen, schon hundertfach erlebten Probleme, die sich dabei stellen, einen umfangreichen Roman mit all seinen erzählerischen Abschweifungen, essayistischen Passagen und Handlungssträngen in eine komprimierte Bühnen- und Spielfassung zu transformieren, machen auch Marciniak beim „Boxer“ zu schaffen.

Das Gewimmel der Romanfiguren macht es für roman-unkundige Zuschauer schwierig, die einzelnen Personen auseinanderzuhalten. Scharfe Konturen bekommen vor allem der Hauptdarsteller Shapiro (Zimmler) und seine Gegenspieler (Sven Schelker in einer Doppelrolle) sowie Ryfka mit einigen eindringlichen Monologen zur Gefahr des Antisemitismus. In dieser Rolle überzeugt Rosa Thormeyer bei ihrem ersten Auftritt im Thalia-Ensemble, mit Marciniak arbeitete sie bereits in Freiburg beim „Sommernachtstraum“ zusammen.

Der Hamburger Roman-Adaption fehlen der jugendliche Charme, der Witz und die Phantasie dieser Freiburger Komödien-Inszenierung. Dem „Boxer“ ist sichtlich anzumerken, dass auf dem Abend die schwere Last drückt, die wichtigsten Handlungsstränge in zwei Stunden abzubilden und die politisch-mahnende Botschaft zu transportieren.

Marciniak erlaubt sich und ihrem Ensemble wenige spielerische Momente. In diesen Passagen blitzt ihr Können auf: Vor allem im Mittelteil arbeitet sie mit unterschiedlichen Tanzstilen der 20er und frühen 30er Jahre. Der Charleston und ähnliche Schrittfolgen aus der Zeit, als die Weimarer Republik auf dem Vulkan tanzte, bauten Marciniak und ihre Choreographin Dominika Knapik gekonnt in den Abend ein. Auch die zentralen Boxkämpfe zwischen Schelker und Zimmler haben eine tänzelnde Leichtigkeit, in der angenehm wenig von toxischer Männlichkeit zu spüren ist.

Unausweichlich treibt der Abend seinem düsteren Finale entgegen, das Ryfka mit ihren Mahnungen nicht verhindern kann. Leitmotivisch schleicht die Live-Musikerin Anita Wälti über die Bühne und kündigt mit ihren Trompetenklängen den Untergang der Demokratie und den Triumph von Nationalismus und Antisemitismus an. Still und nachdenklich endet diese Roman-Adaption auf der Studiobühne.

Update: Die Inszenierung war für das Theatertreffen 2020 in der Diskussion, schaffte es jedoch nicht in die 10er-Auswahl.

Bilder: Krafft Angerer