Das Hexenlied

Bereits vor einem Jahr beschenkte Bernd Stempel sich und das Publikum zu seinem 40. Bühnenjubiläum mit einem Balladen-Abend. Deutlich sind ihm Leidenschaft und Herzblut bei seinen Zwischenmoderationen anzumerken, aber auch seine Bescheidenheit und das ungewohnte Gefühl allein im Rampenlicht zu stehen. Die großen Hauptrollen spielt Bernd Stempel am Deutschen Theater Berlin nämlich selten bis nie, stattdessen auf den ersten Blick unscheinbare Nebenrollen, ohne die aber das Gerüst eines Abends nicht tragfähig wäre. Eine Paradebeispiel für eine typische Bernd Stempel-Rolle ist sein kleiner, markanter Auftritt in die „Zofen“ an der Seite des Star-Duos Samuel Finzi/Wolfram Koch.

Für sein Solo an der Bar des DT Berlin hat er Klassiker, die unsere Eltern- und Großeltern-Generationen in der Schule noch auswendig hersagen mussten, wie Schillers „Bürgschaft“ neben Unbekannterem aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit wenigen Ausflügen ins 20. Jahrhundert ausgewählt. Seinem Intendanten Ulrich Khuon, der sich mit den Autorentheatertagen so sehr um zeitgenössische Theaterstücke kümmert, hat er vorgeschlagen, in seinem kleinen „Das Hexenlied“-Abend doch mal vieles vorstellen zu dürfen, was einst zum Bildungsgut gehörte und heute fast vergessen ist.

Mit persönlichen kleinen Anmerkungen, oft voller Inbrunst, manchmal mit Ukulele oder zur Gitarre, manchmal nur mit der Kraft seiner Stimme trägt Stempel seine Balladen-Auswahl vor. Schade, dass sich in der Bar des DT an diesem Freitag Abend vor allem ein älteres Publikum und nur ein kleiner Kreis von Zuhörer*innen versammelt hat.

Charmant-unbeholfen erklärt Stempel im Stil eines Grundschullehrers Schlüsselbegriffe aus Balladen mit Kreide. Sein Tafelbild hat er zum Teil schon vorbereitet, zum Teil wird es während des Konzerts vervollständigt, wie zum Beispiel das Herz, das er wie ein Teenager aus längst vergangenen Jahrzehnten um den Namen seiner verehrten, viel zu jung gestorbenen Karoline von Günderode malt.

Bei so viel Herzblut und Leidenschaft ist es schade, dass der Funke nicht recht überspringt. Zu altbacken und aus der Zeit gefallen sind viele der von ihm vorgetragenen Balladen. Zu wenig Auflockerung und Abwechslung bieten seine Zwischenmoderationen.

Bilder: Arno Declair

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.