Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt

Seit seinem Abschied von der Volksbühne, bei dem er sich im Sommer 2017 eine Träne aus dem Auge drückte, wurde Fabian Hinrichs auf den Bühnen vermisst.

Mit einer aberwitzigen Federboa-Konstruktion und im Glitzer-Anzug meldet er sich zurück zum Dienst, aber an einem sehr ungewohnten Ort: weder an der Volksbühne, wo die alte Crew aus Castorfs Zeiten vor der Übernahme von Polleschs Intendanz nur sehr zögernd tastende Wieder-Annäherungsversuche wagt, noch am Deutschen Theater Berlin, wo René Pollesch als Hausregisseur eine Interims-Wirkungsstätte gefunden hat. Stattdessen suchten sich Hinrichs und Pollesch den Friedrichstadt-Palast aus.

Wie man Hinrichs aus glanzvollen Volksbühnen-Auftritten wie „Kill your darlings“ und „Keiner findet sich schön“ kennt, tigert er hibbelig über die gewaltige Bühne des Show-Palasts und nutzt auch die Treppen-Aufgänge ins Publikum. Im typischen Hinrichs-Ton lamentiert er über die Einsamkeit, streut einige skurrile Beobachtungen und Kindheits-Anekdoten ein.

Diese Hinrichs-Soli sind aber nicht mehr als kleine Bröckchen, um das Publikum anzufüttern, und haben nicht das Kaliber seiner stärkeren Volksbühnen-Abende, bei denen sich Hinrichs in ein funkensprühendes Lamento hineinsteigerte. Davon ist diesmal wenig zu spüren, stattdessen verzettelt er sich in faden Witzchen über Dieter Bohlen und Daniel Küblböck. Sein großes Thema der Einsamkeit und Beziehungslosigkeit, das ihn auch in „Keiner findet sich schön“ umtrieb, bekommt er diesmal nicht in den Griff. Sein Versuch, es spielerisch einzukreisen, verliert sich in Belanglosigkeit und Banalitäten.

Von der Opulenz der Palast-Shows ist ebenfalls nur wenig zu spüren. Bewusst unbeholfen und asynchron wuselt Hinrichs zwischen den Choreographien der Profis aus dem Palast-Ensemble und schwingt mit ihnen selbstironisch das Revue-Tanzbein bei einer klassischen Chorus-Line.

Bis auf ein paar kleine Laser-Show-Momente, eine Bolero-Nummer und das Finale, bei dem Hinrichs über dem Ensemble schwebt und zu furchtbar sentimentalem Pop durch die Luft gewirbelt wird, ist wenig an Budenzuber und Glamour geboten. René Pollesch ließ sich bei seinem Ausflug in den Friedrichstadt-Palast erschreckend wenig einfallen. Aus den großen Möglichkeiten, die die gewaltige Tiefe des Bühnenraums bietet, machte er viel zu wenig. Aus dem Aufeinandertreffen des Sprechtheater-Stars mit dem Unterhaltungs-Revue-Ensemble entsteht keine wirkliche Reibung. Ihre Begegnung kommt nicht über ein ironisches Beschnuppern hinaus, sie spielen mehr nebeneinander als miteinander.

Bild: William Minke

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