Rio Reiser – Mein Name ist Mensch

In Potsdam war Frank Leo Schröders Polit-Schauspiel-Musical der Hit: 40 Mal sorgte „Rio Reiser – König von Deutschland“ für ein volles Haus im Hans Otto Theater.

Einen solchen Schatz lässt man nicht einfach ungenutzt im Fundus verstauben, nachdem die Intendanz gewechselt hat und Hauptdarsteller Moritz von Treuenfels ans Theater Basel gewechselt ist. Mit einigen Umbesetzungen und Modifikationen wurde „Rio Reiser – Mein Name ist Mensch“ mit Rio Reisers Bruder Gert C. Möbius als Co-Regisseur ein paar Kilometer weiter östlich und damit noch etwas näher an Reisers Kreuzberger Heimat im Schiller Theater, der Interimsspielstätte der Komödie am Kudamm, herausgebracht. Nach der Premiere vom Sonntag ist es en suite bis 3. November zu sehen.

Dass der Abend über knapp drei Stunden so gut funktioniert, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen verwebt er geschickt die persönliche Biographie von Ralph Möbius, wie Reiser mit bürgerlichem Namen hieß, mit den politischen Umwälzungen der linken Szene zwischen den 70er und 90er Jahren. Sehr präzise beschreibt der Abend das spannungsreiche Verhältnis zwischen den linken Aktivist*innen und ihrer Band. Spätestens seit der anarchistischen Hymne „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und dem „Rauch-Haus-Song“ als Manifest der Hausbesetzer*innen-Szene hatten „Ton Steine Scherben“ einen Kultstatus: Jeder wollte etwas von ihnen, hier ein Solidaritätskonzert, dort eine Unterstützungs-Aktion. Jede Idee, die der Band etwas Geld bringen könnte, die bei äußerst knapper Kasse zunächst in West-Berlin und dann auf einem Bauernhof in Fresenhagen lebte, löste sofort einen Shitstorm aus: Sie würden ihre Seele an die Plattenindustrie und den Kapitalismus verkaufen, lautete der Vorwurf.

Mit kleinen kabarettistischen Einlagen wie einer Claudia Roth-Parodie, die als Tourmanagerin und Nervensäge zu den Grünen weggelobt wird, und historischer Genauigkeit zeichnet der Abend ein Bild von Rio Reiser, das sowohl für Zeitzeug*innen als auch für Jüngere interessant ist.

Das zweite Plus des Abends sind die tollen Songs, die auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Qualität verloren haben. In ihnen spiegeln sich an diesem Abend die unterschiedlichen Facetten von Rio Reisers Persönlichkeit. Das aufrüttelnde, politische Engagement, das sich von „Macht kaputt…“ bis zu seinem Spätwerk mit „Alles Lüge“ oder „König von Deutschland“ zieht, steht an diesem Theater-Abend in einer guten Balance mit den leisen, poetischen Tönen aus „Für immer dich“ oder „Junimond“ eines unglücklich verliebten schwulen Mannes. Die Titelrolle spielen in Berlin Philip Butz Frédéric Brossier im Wechsel.

Das große Manko dieser gut inszenierten, unterhaltsamen Polit-Revue ist der bestialische Zigarettengestank, der sich rücksichtslos von der Bühne in das Publikum zieht, wie es zu Rios Zeiten noch an der Tagesordnung gewesen sein mag, aber heute längst nicht mehr üblich und akzeptabel ist. Der beißende Qualmgestank ist eine Zumutung fürs Publikum. Ein ansonsten toller Abend hinterlässt deshalb einen sehr zwiespältigen Eindruck.

Bilder: Franziska Strauss

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