Meister und Margarita

Das Setting erinnert an eine TV-Soap oder eine Theater-Arbeit von Simon Stone, der für seine platten Überschreibungen klassischer Texte gefürchtet ist: die Live-Kamera folgt den Protagonist*innen auf Schritt und Tritt durch die kleinen Kabuffs ihrer Großraum-Büros. Das einzig surreale Moment, das diese betont realistische Ästhetik bricht, ist der blutverschmierte Jeschua/Jesus mit Dornenkorne als Ein-Mann-Putzkolonne (Tim Werths) emsig im Bühnenhintergrund.

Anders als Stone bleibt das estnische Regiepaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo halbwegs treu. Die zentralen Figuren aus Michail Bulgakows opus magnum „Meister und Margarita“, das erst posthum nach der Stalin-Ära veröffentlicht werden konnte, sind klar erkennbar. Das Regie-Duo bekommt den facettenreichen, auf mehreren Zeit- und Handlungsebenen spielenden Roman jedoch überhaupt nicht in den Griff.

Meister und Margarita von Michail Bulgakov Regie: Ene-Liees Semper & Tiit Ojasoo Premiere am 17. Oktober 2019 im Akademietheater Norman Hacker (Woland)

Die „Meister und Margarita“-Inszenierung ist ein Musterbeispiel, wie quälend langweilig Adaptionen großartiger Romane werden können, wenn die zündende Idee für eine Dramatisierung fehlt. Die ersten beiden Stunden bis zur Pause ziehen sich wie Kaugummi. Der in manchen Kritiken als Lichtblick gelobte Norman Hacker bleibt als diabolischer Magier Woland im roten Anzug fast genauso blass wie das Titel-Liebespaar Rainer Galke und Annamária Láng, die mit ihrem starken Akzent nur schwer zu verstehen war.

Allzu beliebig werden Szenen aneinandergereiht. Ins Spielen kommt dieses Ensemble aus vielen Burgtheater-Neuzugängen, die andernorts ihre Klasse beweisen konnten, an diesem viel zu langen Abend leider nie.

Bilder: Matthias Horn

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