Tyskland

Zu brachialen Rammstein-Klängen macht das Performerduo „White on white“ (Johannes Maria Schmitt und sein schwedischer Partner Iggy Lond Malmborg) aus ausrangierten Möbeln Kleinholz, während das Publikum noch draußen an der Bar vor dem Studio des Gorki-Theaters wartet.

Als wir das Schlachtfeld betreten können, steigern sich die beiden in eine Eloge auf „Tyskland“ hinein. „Did you know, Iggy…?“, fragt Johannes seinen Kumpel und schwärmt davon, dass die Premierministerin des Landes zugleich die Königin von Europa sei und dass Sex nach dem Prinzip „Ja heißt ja, Nein heit Nein“ nur im Konsens ausgehandelt wurde. Mit einem gedehnten „Wooow“ und leuchtenden Augen setzt Iggy noch eins drauf, jubelt über die Barthes- und Derrida-Theoriediskussionen als Höhepunkt jeder Party in „Tyskland“ und über die Paare, die sich die Elternzeit völlig gleichberechtigt teilen.

In ihrer witzigen, klugen Performance zeichnen die beiden Performer das Idealbild einer aufgeklärten, antirassistischen, feministischen Republik, in der chauvinisische Stammstischwitze nur noch ironisch erzählt werden und in der stattdessen an jeder Ecke hübsche Jungs in Lyrik-Lektüre versunken sind. Dies ist eine kleine Anspielung auf die Anekdote, wie sich das Duo im Sommer 2009 auf dem Balkon einer Kreuzberger WG zufällig kennenlernte, als einer der beiden Rilke rezitierte.

In den utopischen Idealstaat streuen die beiden ironisch auch immer wieder Schnipsel aus der real existierenden Bundesrepublik ein: den als Freiheitsrausch verklärten Verzicht auf ein Tempolimit, mit dem Deutschland ziemlich alleine dasteht, oder die Schattenseiten der Machtstrukturen an den Theatern und ähnliche kleine Brechungen.

Eine Stunde lang bieten die beiden einen unterhaltsamen Schlagabtausch. Hier Schluss zu machen, wäre eine gute Entscheidung gewesen. Stattdessen zieht sich die Performance zunehmend redundant über eine zweite Stunde. Es macht zwar Spaß den beiden beim Tanzen zuzusehen, das in der zweiten Hälfte dominiert. Aber inhaltlich hat der Abend sein Potenzial zu diesem Zeitpunkt ausgeschöpft.

In die Choreographie reihen sich nun auch zwei Spielerinnen aus dem Gorki Ensemble ein, die schon zu Beginn einen Kurzauftritt von wenigen Sekunden hatten: Svenja Liesau und Hanh Mai Thi Tran (sie übernahm für Jerry Hoffmann aus der Premieren-Besetzung). Das Publikum wird langsam unruhig, da sich der Abend zu sehr in die Länge zieht und es aus dem 2x für viel zu lange Zeit aus dem offenen Fenster bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt wie Hechtsuppe hereinzieht. Mit der ausgedehnten Performance machen sich „White on White“ über die gefürchteten, mindestens sechs Stunden langen Castorf-Exzessse lustig, auf die sie mehrfach anspielen.

Das Performer-Duo zieht sich gegen Ende zurück. Die beiden Kolleginnen sind nun alleine auf der Bühne und wirbeln die bereits bekannten „Tyskland“-Versatzstücke noch einmal durcheinander, bevor eine ältere Dame aus dem Publikum als fiktive Mutter in strengem Ton die erlösenden Worte „Iggy! Johannes! Es reicht!“ spricht.

In der Reihe „Mythen der Wirklichkeit“ hatte „Tyskland“ bereits zum Spielzeit-Finale im Juni 2018 Premiere und wurde nun im Rahmen des 4. Gorki-Herbstsalons wiederaufgenommen.

Bild: Ute Langkafel

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