Die Pest

Hochkonzentriert und äußerst minimalistisch trägt Božidar Kocevski eine 90minütige Strichfassung des existentialistischen Romans „Die Pest“ von Albert Camus vor. Ganz allein steht er auf der Bühne, um sich herum nur noch einen Ventilator, einige Stühle und vor allem Unmengen an schwarzen, von der Decke herabrieselnden Flocken und Schnipseln.

Zu Beginn sitzt er mit dem Rücken zum Publikum auf einem schmucklosen Stuhl am Bühnenrand und arbeitet sich mit getragener Stimme durch einen längeren Monolog als Roman-Ich-Erzähler. Langsam erobert er sich die kleine Bühne in der Box des Deutschen Theaters und stemmt ohne Verhaspeln oder Stocken eine beeindruckende Textmasse.

Der Abend ist szenisch äußerst karg angelegt. Kocevski tritt nicht nur als der Arzt Bernard Rieux auf, aus dessen Sicht der parabelartige Roman über die Stadt Oran im Pest-Ausnahmezustand und die brüchige Solidarität geschrieben ist, sondern verkörpert auch alle Nebenfiguren: die Patient*innen, den Concierge und schließlich den Pastor, mit dem der Arzt das Theodizee-Problem diskutiert, wie ein gütiger Gott diese Epidemie zulassen kann.

Wenn Solo-Performer Kocevski nicht gerade lange Reflexions-Monologe deklamiert, muss er im Zwiegespräch mit sich selbst Dialoge aus dem Roman sprechen. „Die Pest“ nach Camus ist ein betont untheatralischer Abend, erinnert eher an ein Live-Hörspiel oder eine szenische Lesung und ist äußerst spröde.

Auch ein so vielseitiger, charismatischer Schauspieler wie Kocevski tut sich schwer, diesen textlastigen Abend, der so wenig Spielfreude ausstrahlt, allein zu stemmen. Er wirkt vom Regisseur András Dömötör ziemlich alleingelassen. Für Szenenapplaus und Lacher sorgte der wortlose Mini-Auftritt eines Statisten, der während der letzten Szene mit einem Laubbläser auf die Bühne kommt und sich daran macht, die schwarzen Schnipsel aufzusaugen.

Die Inszenierung „Die Pest“ macht wenig Lust auf Theater und ist sehr funktional vor allem darauf angelegt, dem Publikum den Roman nahezubringen. Das kompakte Solo spart die Lektüre, bringt aber kaum ästhetischen oder sinnlichen Genuss. Das Verdienst des Abends ist es immerhin, dass er den lesenswerten Camus-Text in Erinnerung ruft, dessen Titel-Metapher vom überraschenden Ausbruch einer für besiegt gehaltenen tödlichen Krankheit so vielfältige Deutungen zulässt und zum Weiterdenken anregt.

Bilder: Arno Declair

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