Die Anderen

Einen düsteren Mix aus Live-Video und Theaterstück entwickelte die Brüsseler Regisseurin Anne-Cécile Vandalem für die Schaubühne. Etwas mehr als zwei Stunden lang kreisen die verschrobenen Bewohner eines Dorfes, das so abgehängt ist, dass nicht mal mehr die Müllabfuhr funktioniert, um ein Geheimnis.

Jule Böwe als vor sich hin raunzende Wirtin eines Hotels im Dauerregen und ohne Gäste, Stephanie Eidt als Witwe, die zwischen Wahn, Wirklichkeit und erotischen Phantasien pendelt, und Ruth Rosenfeld als Schamanin im Fuchsfell, die passend zur abgedunkelten Bühne und zum Schauermärchen-Plot wunderbare dunkle Gesangssoli bietet, sind zwar starke Darstellerinnen.

Der Abend krankt jedoch daran, dass die Handlung sehr schleppend erzählt wird. Die angekündigte Thriller-Spannung will nicht so recht aufkommen, die meisten Sonntagabend-Fernsehkrimis haben mehr Suspense als dieses Theaterstück.

Vandalem gelingt es zwar gut, eine düstere, schwarz-romantische Atmosphäre zu erzeugen. Ihre Figuren erinneren aber tatsächlich mehr an das schlurfende Marthaler-Personal und die skurrilen Kaurismäki-Typen, wie Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung schrieb, als an die raffinierten Psychothriller von Claude Chabrol und die surreal-albtraumhaften Bildwelten von David Lynch, die Michael Wolf auf Nachtkritik als Referenzen nannte.

Das Rätsel, warum sich die Figuren so merkwürdig benehmen und was aus dem Klima-Flüchtling Ulysses (Bernardo Arias Porras), der spurlos verschwand, wird am Ende aufgelöst. Die Regisseurin konnte sich aber nicht recht entscheiden, was sie eigentlich erzählen will: Sie spielt auf aktuelle Debatten wie die Klima- und Flüchtlingskrise an und verortet den Plot sehr konkret im Jahr 2023. Als politische Dystopie funktioniert der Abend jedoch nicht recht, da die sehr plakativen Anspielungen nur den Hintergrund-Rahmen des Plots bilden. Wie Irene Bazinger in der FAZ herausarbeitete, funktionieren „Die Anderen“ aber auch weder als packender Horror noch als Gruselmärchen.

Was bleibt, ist der lobenswerte und ungewöhnliche Versuch, den Serien-Streamingdiensten Netflix und Co. ein ambitioniertes Unterhaltungstheater entgegenzusetzen, das mit Anspielungen auf Mythologie und Politik gespickt ist. Wie schon bei den beiden FIND-Gastspielen von Anne-Cécile Vandalem gelingt dies allerdings nicht.

Bild: Arno Declair

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