legende

Wie kann man das mehr als 1.000 seitige Werk „legende“, das Ronald M. Schernikau kurz vor seinem Tod fertiggestellt hat, zumindest näherungsweise beschreiben? Vielleicht als Lehrstück von Brecht, das durch den Fleischwolf einer Farce gedreht und mit biblischen Motiven, Travestie, etwas Schlager-Musical sowie vor allem viel West-Berliner Zeit-Kolorit der 80er Jahre angereichert wird.

Wenn man es einem Regisseur zutrauen könnte, diesen in zahlreichen Assoziationen zerfasernden und zersplitternden Text in den Griff zu kriegen, dann einem Künstler wie Stefan Pucher, der für opulent-verspielte, mit Video und Pop-Musik gespickte Inszenierungen bekannt ist.

Die ersten beiden Stunden bis zur Pause schleppen sich jedoch sehr behäbig dahin. Die antikapitalistische Farce über die Schokoladenfabrik und die beiden Herren Tattergreis und Geldsack, die sich im Ost-West-Handel bekriegen, hat zwar skurrile Figuren zu bieten. Dieser zentrale Handlungsstrang der Inszenierung wird jedoch so tempoarm und ermüdend erzählt, dass in den Pausengesprächen viel Enttäuschung zu spüren war.

Vier Götter schweben auf die Bühne herab: Reinkarnationen von Therese Giehse (kafau), Klaus Mann (tete), Ulrike Meinhof (fifi) und des KPD-Vorsitzenden Max Reimann (stino). Sie sind aber meist nur Staffage, Background-Chor oder trennen mit ihren kurzen Auftritten die Szenen.

Recht hermetisch kreist diese „legende“-Inszenierung 3,5 Stunden um sich selbst und macht es dem Zuschauer schwer, einen Zugang zu diesem Kuriositätenkabinett zu finden. Erst in der letzten Stunde gibt es etwas mehr Anknüpfungspunkte für das Publikum: Die Kommunistin Marianne Komenski ist unschwer als ironische Hommage auf die Schlagersängerin Marianne Rosenberg zu erkennen, die genug von der Hitparade hatte und sich lieber politisch engagieren wollte. Das Lied, das Schernikau nach dem Besuch von Ronald Reagan für sie schrieb, ist ebenso Teil der Inszenierung wie die vergeblichen Versuche der DKP-Splittergruppe, die 5 %-Hürde im linken Biotop der Insel West-Berlin zu überspringen. Bekennendes Mitglied der DKP und später der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) war auch Schernikau selbst, der im Spätsommer 1989 gegen den Strom in die DDR übersiedelte.

Auch auf die Hausbesetzer-Szene West-Berlins wird in dieser letzten Stunde mehrmals angespielt. Der berührende End- und Höhepunkt des langen Abends ist das Schluss-Solo von Nicolaas van Dieppen (als Neffe von Ulla), das die AIDS-Krise der 80er und frühen 90er Jahre thematisiert. Die Performance auf der Bühne im schwarzen Abendkleid wird zum Finale von einem kurzen Video-Ausschnitt aus dem Archiv von Schernikau, der auf seiner Couch singt, gedoppelt. Das ist einer der zu seltenen Momente, an dem greif- und spürbar wird, wer Schernikau war und was ihn bewegte.

Insgesamt machte Pucher zu wenig aus dem assoziativ wuchernden Material der Vorlage. Die Inszenierung tritt über weite Strecken auf der Stelle, auch hochkarätige Volksbühnen-Gäste wie Katharina Marie Schubert (als Lydia) oder Ueli Jäggi (als Anton Tattergreis) bringen den Abend nicht in Schwung.

Bilder: Thomas Aurin

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