(Life on earth can be sweet) Donna

Christoph Marthalers Stammbühnenbildnerin Anna Viebrock baute für René Polleschs dritte Inszenierung am Deutschen Theater ein Labyrinth aus schrägen Wänden, Mauern, Raumtrennern und Kulissen-Rückseiten. Durch eine hohle Gasse treten die fünf Protagonist*innen des Abends zu Italo-Pop und Glam-Rock auf die Bühne.

Für Polleschs Diskurstheater ist der Einstieg eher ungewöhnlich: wortlos und mit einem kleinen Slapstick von Jeremy Mockridge, der im Hintergrund möglichst ungeschickt mit dem Duschschlauch hantiert, beginnt dieser Abend. Erst danach setzen Bernd Moss und die beiden Volksbühnen-Veteranen-Stargäste Milan Peschel und Martin Wuttke zum gewohnt hochtourigen Wortgeplänkel an. Mit Insidergags und Name-Dropping gespickt springt ihr assoziativer Trilog zwischen einer Hommage an zahlreiche Größen aus der langen Historie des Deutschen Theaters Berlin, kleinen Anspielungen auf Polleschs bevorstehende Rückkehr als Intendant an die Volksbühne und einer Parodie auf Kulturbetriebs-Small-Talk hin und her, bei dem Bernd Moss stolz die angeblich wichtigsten, natürlich frei erfundenen Premieren seiner Künstlerbiographie aufzählt: allesamt Operetten in kleineren Städten.

Die amerikanische Feministin und Cyborg-Theoretikerin Donna Haraway stand im Zentrum der ersten Gedankenskizzen dieses Abends. Im Lauf des Probenprozesses lösten sich Pollesch und sein Ensemble, was für ihre Arbeitsweise nicht ungewöhnlich ist, jedoch so weit von den ersten Entwürfen, dass Haraway außer im Titel des Abends nur noch in Spurenelementen zu finden ist. Stattdessen rückte Brechts „Straßenszene“ in den Mittelpunkt: modellhaft entwickelte er sein episches Theater in diesem Text über die polizeilichen Ermittlungen nach einem Autounfall.

Judith Hofmann, Martin Wuttke, Milan Peschel, Bernd Moss

Der Abend wird zum Sketch, der den Hollywood-Blockbuster „Transformers“ mit dem V-Effekt und einigen Kalauern mixt. Nina von Mechow und Anna Viebrock steckten Mockridge, Peschel und Wuttke für diese Szene in aufklappbare Pappauto-Kostüme. Nach der Auseinandersetzung mit epischem und klassischem Repräsentaionstheater treiben Pollesch und seine Spieler*innen noch ihre Späße mit einem Schauspieler namens Harry, der durch diese Aufführung geistert und seinen „Lear“ nur in der Küche oder hinter der Bühne, aber niemals vor Publikum spielen kann. Die Drehbühne ist mittlerweile so rotiert, dass Anna Viebrocks Aufbauten einen Sichtschutz bieten, hinter dem Martin Wuttke deklamiert, während seine Mitspieler*innen ebenso wie das Publikum außen vor bleiben. Für Situationskomik sorgt, dass die Souffleuse „Meine Nerven!“ reinrufen muss, da Milan Peschel dieses Stichwort entfallen ist.

Der Abend ist zwar wieder sehr verqualmt, folgt diesmal aber nicht mehr den ausgetretenen Pfaden der letzten Pollesch-Inszenierungen am DT Berlin und Schauspielhaus Zürich, bei denen sich zahlreiche Motive und Sätze doppelten. Statt Knacks, Anschlussfehlern und Identitätsfragen stehen diesmal vor allem die Debatten aus der Theaterhistorie im Mittelpunkt. „(Life can be sweet) Donna“ ist eine ziemlich selbstreferentielle Komödie, bei der vor allem Theaterwissenschaftlern und -historikern das Herz aufgehen mag.

Bilder: Arno Declair

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