100 % Berlin Reloaded

Zwölf Jahre nach der Premiere von „100 % Berlin“ haben Rimini Protokoll wieder nach einem repräsentiven Querschnitt der Stadt gefahndet. Eine sehr diverse Gruppe von 100 Berliner*innen mitten aus dem Alltag steht auf der Bühne des HAU, erzählt ein paar Anekdoten aus ihrem Leben und versammelt sich in zahlreichen Fragerunden hinter „Ich“- oder „Ich nicht“-Schildern.

Knapp die Hälfte der Teilnehmer*innen aus dem Jahr 2008 sind wieder dabei. Ein Running Gag des Abends ist, wie schwer sich das Rimini Protokoll-Recherche-Team tat, die nötige Zahl von Spandauer*innen zu finden: ein eigenes Völkchen am Rande Berlins, wie auch das Stadtmagazin tip in seinen regelmäßigen Bezirks-Grafiken nicht müde wird zu betonen.

Nur im recht dicken Programm-Buch werden die Hintergründe der Produktion beleuchtet, z.B. wie sich das Kommunikationsverhalten geändert hat: Anrufe fremder Nummern hat diesmal kaum einer der Interview-Partner angenommen, das sei damals noch anders gewesen.

Das Spannendste an dem Projekt ist die Frage, wie sich die Stadt verändert hat: sie ist voller, lauter, bunter, diverser, aber vor allem auch teurer geworden. Die Explosion der Mietpreise wird an mehreren Stellen angesprochen. Hier hat der Abend aber auch eine Chance verschenkt: Die „Reloaded“-Version des „100 % Berlin“-Formats, das im vergangenen Jahrzehnt auch in zahlreichen Städten adaptiert wurde, springt revuehaft von Fragerunde zu Fragerunde. Die 100 Minuten sind unterhaltsam, aber für tiefschürfendere Analysen bleibt wenig Raum. Die zentrale Frage, was sich in den 12 Jahren in der Stadt verändert hat, wird oft nur gestreift.

So bleibt auch nach der Neuauflage wie schon nach der Premiere das Fazit: eine spannende Idee, aus der man aber noch mehr machen könnte als einen amüsanten Abend mit begrenztem Erkenntnisgewinn, wenn noch mehr Parallelen gezogen und gedankliche Schneisen geschlagen würden.

Bilder: Dorothea Tuch

One thought on “100 % Berlin Reloaded

  1. Thomas Fricke Reply

    Ja, man könnte noch mehr machen.
    Aber unsere Welt sieht doch so aus, wie sie aussieht, weil wir immer mehr gemacht haben?
    Ich bin einer der 100 Darsteller.
    Ich durfte den Berliner Querschnitt in vielen Übungsstunden erleben. Das hat mich bereichert und die Augen geöffnet.
    Wir machen uns beim Spielen ein großes Stück nackt – und das ist doch das Schöne, oder? Keine Maske zu tragen?
    Und wie freundlich und achtsam man mit uns umgeht? Z. B. das ganz, ganz reichhaltige Buffet mit Bionahrung aus vielen Ländern….
    Jeder konnte Vorschläge machen, dass Stück zu verändern…..
    Eine große Schar von freundlichem Personal und Assistenten sorgten dafür, dass wir Darsteller uns wie Könige fühlten.
    Und, für mich auch sehr interessant – die ganze Bühnen Technik.
    Und dann steuere mal 100 unterschiedliche Menschen mit ihren Egos. Das hat die Regie voll gut hingekriegt: Alles auf den Punkt, kein Wort zuviel, sehr freundlich, deutlich, achtsam und natürlich.
    Ich durfte (für mich) ganz neue wertvolle Menschen kennenlernen, mit denen ich mich auch in Zukunft treffen werde. Danke dafür – Thomas

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