Traumboy/Traumgirl

Als „Traumboy“ ist er seit mehr als vier Jahren auf Tour: Daniel Hellmanns Performance, die raffiniert und vielschichtig mit Autofiktion und dokumentarischem Material spielt, führt in ein Thema ein, von dem die meisten nur klischeehafte Vorstellungen und Halbwissen haben: die Sexarbeit.

Geschickt spielt er mit den Erwartungen der Zuschauer, lässt sie in die Betroffenheitsfalle tappen, bevor er aufklärt, dass die gruslige Anekdote über seinen ersten Kunden frei erfunden sei, und lockt das Publikum mit intimen Fragen aus der Komfortzone.

Das Stück ist so erfolgreich und über das Thema gibt es so viel zu sagen, dass Hellmann mit seiner Kollegin Anne Welenc ein zweites Solo erarbeitete, diesmal aus weiblichem Blickwinkel. Ihr „Traumgirl“-Auftritt hatte im Sommer 2019 beim Fringe Festival in Edinburgh Premiere und lief an diesem Wochenende in drei Doppel-Vorstellungen erstmals im Ballhaus Ost.

Die „Traumgirl“-Performance ist dramaturgisch weniger komplex und doppelbödig gebaut. Sie fokussiert sich vor allem auf zwei Themen: Viel stärker als beim „Traumboy“ geht es hier um die Herkunft der Performerin. Sie erzählt von ihrer ostdeutsch-polnischen Arbeiter-Familie, die nach der Wende mit Jobverlust und angeknackstem Selbstwertgefühl konfrontiert war. Die Tochter lernt bei einem Ferien-Workshop für Teenager*innen die Theater-Szene kennen und bewirbt sich erfolgreich an der Schauspielschule in Bern.

Dort wird sie auf High Class-Escort-Seiten aufmerksam: Sehr komödiantisch-selbstironisch erzählt Welenc von den Fettnäpfchen, in die das „Traumgirl“ bei den ersten Übernachtungs-Dates mit solventen Schweizern stolpert. Auch sie rückt dem Publikum auf die Pelle, antwortet auf per SMS eingereichte Fragen und spielt gemeinsam mit ausgewählten Zuschauer*innen die typischen Abläufe in einem Bordell nach, die das „Traumgirl“ als bessere Variante der Sexarbeit für sich entdeckt hat.

Die beiden Stücke leben von der Interaktion mit dem Publikum, die bei einem „Traumboy“-Gastspiel im kleinen Studio-Rund des Gorki Theaters noch besser funktionierte als vor den frontal ansteigenden Ballhaus-Rängen. Der Doppelabend lädt dazu ein, über ein gesellschaftlich verdrängtes Thema nachzudenken, das im Diskurs kaum eine Rolle spielt, wenn es nicht gerade neue Boulevard-Schlagzeilen gibt oder wenn die Politik mit dem Prostitutionsschutzgesetz einen neuen gut gemeinten, aber schlecht gemachten Anlauf nimmt, sich der Sexarbeit zu widmen.

Bild aus „Traumboy“: Raphael Hadad, Bild aus „Traumgirl“: Michel Wagenschütz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.