In my Room

Der Tod von Falk Richters 93jährigem Vater hat die Proben an diesem Projekt überschattet, wie er in einem taz-Interview berichtete. Als Auseinandersetzung mit dem Mode-Begriff „toxische Männlichkeit“ war die Stückentwicklung des Regisseurs und seines Ensembles ursprünglich angekündigt, fokussierte sich dann jedoch auf eine Reflexion über gefühlskalte, schwer erreichbare Väter.

Jonas Dassler, frisch gekürter Berlinale-Shooting Star, trägt den langen Eröffnungsmonolog vor, in dem sich Richter zwischen Zorn und Wehmut schwankend mit seinem sterbenden Vater auseinandersetzt. Wie üblich am Gorki Theater sind hier Realität und Autofiktion geschickt. Kurz vor Kriegsende als „Kanonfutter“ von den Nazis verheizt und traumatisiert, verpanzerte sich dieser in einem Korsett aus starren Regeln. Gefühle ließ er nicht zu, in seinem Weltbild voller Scheuklappen war der Platz für die Frau am Herd, Männer sollten so wortkarg und entschlossen sein wie sein Western-Idol John Wayne, das über den Bildschirm im Wohnzimmer flimmerte.

Der Konflikt zwischen Vater und Sohn eskalierte an Richters Homosexualität, die sein Vater nie akzeptieren konnte, als „Gefahr“ und „Störfaktor“ empfand, die ihm Angst machte.

Erst auf dem Sterbebett stellt dieser Vater sein autoritäres Weltbild und sein Pochen auf Recht und Ordnung in Frage. Die verdrängten Erinnerungen an den Krieg kommen in ihm hoch, Angst und Panik mischen sich mit Wut auf die Verbrechen der Nazis und vor allem mit scharfer Kritik an CDU/CSU, wo viele Nazi-Mitläufer und Kriegsgewinnler in der restaurativen Adenauer-Ära eine gemütliche neue politische Heimat fanden. Mit Attacken auf die Konservativen, die „Hitler ins Amt gehoben haben“, die „Trump ins Amt gehoben haben“ endet dieses lange Solo von Jonas Dassler, das knapp 1/3 des Abends ausmacht.

Erst dann kommen die anderen vier Spieler des rein männlichen Ensembles auf die Bühne: Emre Aksızoğlu, Knut Berger, Taner Şahintürk und Benny Claessens, der sich mit dem grenzwertigen Gag einführt, dass die offen lesbische Regisseurin Andrea Breth aussehe wie sein Vater.

Alle fünf erzählen nun von ihrem Verhältnis zu ihren Vätern, : das kumpelhaft-liebevolle Verhältnis von Jonas Dassler, der mit seinem Vater um die Häuser zieht und im Band-Keller probt, steht neben Sahintürks Erinnerungen an einen Vater, der sich als sogenannter „Gastarbeiter“ mit schlecht bezahlten Jobs durchbeißen und um Respekt kämpfen musste. Knut Berger erzählt, wie begistert sein Vater von seinem ersten Freund war, und analysiert, dass hier der Sohn das Leben leben darf, dass sich sein Vater nicht zugestand, als er sich gegen seinen Liebhaber und stattdessen für die klassische heterosexuelle Kleinfamilie entschied.

Diesen Teil des Abends könnte man als Musical-Revue beschreiben: Die Schauspieler werfen sich in Metal-, Punk- und Rock-Soli, Dassler hat auch einen kurzen Dragqueen-Auftritt im Fummel. Das Vater-Sohn-Thema wird mal in ernsthaften Erinnerungssequenzen, mal in einer von Claessens angeleiteten schamanistischen Familienaufstellungs-Parodie bearbeitet, bei der das „Kriegstrauma“, das zwischen Vater und Sohn steht, symbolisch ausgetrieben wird.

Assoziativ und stark mäandernd schwankt der „In my Room“-Abend zwischen berührenden Szenen, Comedy und Slapstick. Bevor es auf die Zielgerade geht, verhandeln Berger und Dassler die Sex- und Beziehungsprobleme eines schwulen Paares, die Berger als Steilvorlage für eine Abrechnung mit der AfD nutzt: ihr Hass auf Fremde sei – frei nach den „Ärzten“ – ein stummer Schrei nach Liebe und Resultat ihres verkorksten Sexlebens.

Relativ unvermittelt schlägt der Abend nach deutlich mehr als zwei Stunden den Bogen zurück zum Ausgangspunkt. Benny Claessens steigert sich im Hintergrund in verzweifelte Appelle und Erinnerungssplitter an seinen sterbenden Vater hinein, während sich im Vordergrund ein Pfleger um den auf drei Spieler aufgeteilten, dahinsiechenden Vater kümmert. Das Herz steht still, alles zerfällt, „keine Antwort“: so düster endet diese Erkundung einer komplizierten Vater-Sohn-Beziehung.

„In my Room“ ist ein Abend, der oft ausfranst und sich zu verzetteln droht, sich dabei aber immer darum bemüht, seine ernsten Themen mit viel Komik anzugehen, minutenlang mit Standing Ovations gefeiert wurde und das wohl bisher persönlichste Theater-Projekt von Falk Richter ist.

Update: Die Inszenierung wurde für das Theatertreffen 2020 diskutiert, schaffte es aber nicht in die 10er-Auswahl.

Bild: Esra Rotthoff

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