Little Joe

Zwischen all den verhuschten und blassen Nerd-Figuren wirkt das strahlende Rot von „Little Joe“ um so heller und kräftiger: dahinter verbirgt sich eine gentechnisch veränderte Pflanze und der ganze Stolz von Alice. Der Duft der Pflanze setzt Glückshormone im Gehirn frei und ist damit das ideale Designerprodukt für eine Gesellschaft im turbokapitalistischen Dauerstress, die unter dem Diktat der Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung dem Traum vom Glück hinterherjagt.

Die österreichische Arthouse-Regisseurin Jessica Hausner lässt in ihrem Sci-Fi-Thriller bewusst in der Schwebe, was es mit dieser geheimnisvollen Pflanze auf sich hat. Ist bei der Mutation wirklich etwas schiefgegangen und die Pflanze zu einer Frankenstein-Kreatur mutiert, die den Willen der Menschen mittels Viren umprogrammiert? Oder ist dies nur eine fixe Idee der alleinerziehenden Wissenschaftlerin Alice, die an ihrem Sohn und ihren Kolleg*innen merkwürdige Veränderungen wahrzunehmen glaubt?

Sehr behutsam und mit britischem Understatement erzählt Hausner ihre Geschichte und hat dabei eine erlesene Schauspieler*innen-Riege zur Verfügung: Emily Beecham spielt die Naturwissenschaftlerin Alice, die in ihren Therapiesitzungen nachgrübelt, ob ihr Leben noch im Lot ist oder ob nicht ihre wissenschaftliche Karriere längst alle anderen Lebensbereiche auffrisst. Ihr brachte diese Rolle eine Silberne Palme als beste Schauspielerin des Festivals in Cannes 2019 ein. Noch anämischer wirkt ihr Kollege Chris (Ben Whishaw), der sie mit linkischen Flirts umgarnt. In einer feinen Nebenrolle erleben wir Kerry Fox als Bella, bei der nicht klar wird, ob sie auf dem schmalen Grat einer psychischen Störung noch balanciert oder bereits abgestützt ist.

Wesentliche künstlerische Partner von Autorin und Co-Drehbuchautorin Hausner sind Martin Gschlacht, der seine Kamera wieder auf ausgedehnte Fahrten schickt, und der bereits 1982 verstorbene Avantgarde-Komponist Teiji Ito, dessen fiepende Tremolo-Klänge eine Atmosphäre ständiger Unruhe und untergründiger Spannung verbreiten, während die Figuren gewohnt unterkühlt ihrem Alltag nachgehen.

Diese Unterkühltheit sorgt auch dafür, dass der dystopische SciFi-Thriller zwar ein reizvolles Gedankenspiel ist, sein Publikum aber auch kalt lässt.

Bilder: COOP99, The Bureau, Essential Films

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