Ode

„Es lebe die Kunst“: Mit diesem pathetischen Ausruf endet Thomas Melles „Ode“, das er als Auftragswerk für das Deutsche Theater Berlin schrieb. Darin holt er zum großen Rundumschlag aus: gegen die Kulturschickeria, die es sich beim Sekt auf der Vernissage gemütlich macht, sich selbst feiert und sich dabei nur am Rande für die Kunst interessiert; gegen die identitätspolitischen Vorschriften von links, dass das Schicksal einer migrantischen Putzfrau mit Kopftuch nie von weißen Mittelschichts-Schauspieler*innen dargestellt werden darf, sondern sie am besten für sich selbst sprechen solle; vor allem teilt der Text aber gegen die Populisten von rechts aus. Sie „regeln die Kunst in den Biedermeier runter und hetzen die Menschen draußen umso hasserfüllter auf“, wirft die androgyne Präzisa-Figur in ihrem Schluss-Monolog der „Wehr“ vor, die mit Waffen und Deutschlandfahnen hinter ihr aufmarschiert ist.

Der sprunghafte, atemlose, sich oft verzettelnde, mit Anspielungen auf Martin Kippenberger, Andreas Gabalier oder die legendäre „Arturo Ui“-Inszenierung von Heiner Müller, die immer noch im Repertoire des Berliner Ensembles ist, gespickte Text macht es der Regisseurin Lilja Rupprecht schwer, ihn in den Griff zu bekommen.

Die Assoziationen fransen öfter all zu kryptisch aus, dann behilft sich die Inszenierung mit allerlei Videoschnipseln, Tomatenwürfen und Farb-Klecksen, um diese Schwächen zu überdecken. Der zweistündige Abend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters ist aber trotz einiger Sackgassen und Längen sehenswert, da es sich bei der „Ode“ um einen der interessantesten aktuellen Texte für und über das Theater handelt. Die „Ode“ will provozieren und Debatten anstoßen, wenn es sein muss, auch mit schnell hingerotzten, stakkatoartigen Publikums-Beschimpfungen gegen die „youtubeverblödeten Neuneonazis“, die „berufsjugendlichen Selbstironisten“ und die „durchfinanzierten Arztsohnsekttrinker“. In diesem extrem verdichteten Rap-Rundumschlag bekommt das spielfreudige Ensemble aus vier Spieler*innen des DT (Manuel Harder, Alexander Khuon, Natali Seelig, Katrin Wichmann), zwei Gästen vom inklusiven Theater RambaZamba (Juliana Götze, Jonas Sippel) und dem Musiker Philipp Rohmer das nötige szenische Futter, das der sprunghaften Textfläche an vielen anderen Stellen fehlt.

Die „Ode“ ist ein Abend, der es seinem Publikum oft nicht einfach macht. Vor allem in den ersten Szenen, in denen Katrin Wichmann eine Künstlerin spielt, die in „Ode an die Täter“ mit ihrem brutalen Großvater abrechnet, der von den Nazis im KZ ermordet wurde, haben Zuschauer*innen, die sich nicht in die Thematik eingelesen haben, Mühe, in die Inszenierung hineinzufinden. Dementsprechend wanderten einige auch genervt von einem Gewimmel aus Dialogfetzen, satirischen Überzeichnungen und flackernden Videosequenzen recht schnell ab.

Andererseits ist der Abend oft auch überdeutlich: Wen Melle mit der „Wehr“ meint, die anfangs als lustige Trolle in Kettenhemden auftritt und dann zur schlagkräftigen Kampffront mutiert, die die Macht übernimmt, bebildert Rupprecht sehr plakativ. Sie lässt die Truppe vor den längst nicht mehr weißen, sondern mit Tomaten und aufgepinselten Parolen übersäten Wänden aufmarschieren, mit den Postern von Thilo Sarrazin, Alice Weidel und Beatrix von Storch im Rücken. Ihnen hält Alexander Khuon seinen langen Schluss-Monolog entgegen, der im programmatischen Ausruf „Es lebe die Kunst“ gipfelt.

Bilder: Arno Declair

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