März

Tief in die Debatten der 1970er Jahre taucht David Stöhr, Regie-Assistent von Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier und sein Co-Regisseur bei „Im Herzen der Gewalt“, in seiner ersten eigenverantwortlichen Arbeit am Haus ein.

Dafür hat er sich einen Schriftsteller ausgesucht, der heute nur noch selten gelesen wird oder auf dem Spielplan steht: den Dokumentar-Theaterautor Heinar Kipphardt und seinen Stoff „März“. In gleich drei Varianten, nämlich als Drehbuch für eine TV-Produktion des ZDF, als Roman und als Theaterstück, bearbeitete Kipphardt das Schicksal des an Schizophrenie leidenden fiktiven Dichter Alexander März.

Kipphardt recherchierte damals in der Psychiatrie der Charité, wo er einige Jahre als Arzt arbeitete, und ließ sich bei der Konturierung seiner Titelfigur außerdem von den Gedichten des Schizophrenie-Patienten Ernst Herbeck (alias Alexander Herbich) inspirieren, die sein Psychiater Leo Navratil veröffentlichte.

Das Stück ist einerseits eine Anklage gegen zu brutale Methoden der Psychiatrie, die in jenen Jahren starke Diskussionen entfachten. Zwei französische Vordenker der Psychiatrie-Kritik-Bewegung, Gilles Deleuze (gespielt von David Ruland) und Felix Guattari (Veronika Bachfischer), treten mit ihren Thesen in einem längeren Dialog an zentraler Stelle des Abends auf. Zum anderen versucht „März“, das Leiden des an Schizophrenie Erkrankten plastisch zu schildern. Konrad Singer spielt diesen Verzweifelten als über weite Strecken nackten Schmerzensmann voller nervöser Ticks, an seiner Seite Veronika Bachfischer als bleiche, apathische März-Geliebte Hanna.

Nach dem ungewöhnlichen Beginn, bei dem die beiden anderen Spieler*innen das hereintröpfelnde Publikum schon in zotteligen Fabelwesen-Kostümen, die an böse Geister erinnern, während David Ruland (als Arzt Kofler) mit Nebelmaschine bewaffnet die Bar und das Foyer aufmischt, findet der „März“-Abend keinen Rhythmus mehr. Recht schwerfällig schleppt sich die Inszenierung über 100 Minuten dahin, minimalistisch und spröde, eingezwängt zwischen dem Ballast jahrzehntealter Theorie-Debatten.

Bilder: Thomas Aurin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.