Der Hals der Giraffe

Von einem starken Text lebt diese kleine, sehr konzentrierte Studio-Produktion in der Box des Deutschen Theaters Berlin. Fast zehn Jahre alt ist Judith Schalanskys Roman über die Biologie- und Sportlehrerin Inge Lohmark, die eine bittere Lebensbilanz zieht.

Die elisabethanischen Halskrausen, die Kostümbildnerin Julia Dietrich für die drei Spieler*innen, die sich die langen Monologe teilen, passen gut zu Inges starrem Weltbild und zur Unerbittlichkeit, mit der sie über sich und andere urteilt.

Inge Lohmark ist fest davon überzeugt, dass Darwins Evolutionstheorie auf alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens übertragbar ist. Für Schüler*innen, die von den pubertierenden Klassenkamerad*innen systematisch gemobbt werden, hat sie nur Verachtung übrig. Sie seien geborene Opfer, zu schwach, im Kampf zu bestehen, und haben aus Inges Sicht weder Hilfe noch Mitgefühl verdient. Je früher jemand aussortiert werde, um so besser. Dann könnten gar nicht erst falsche Hoffnungen entstehen, die sich dann zu oft in Gewalt und Amokläufen entladen, sinniert Inge.

Die Zeiten haben sich allerdings geändert: die unterlassene Hilfeleistung bringt Inge eine Rüge von der Schulleitung ein. Sie versucht, die letzten Jahre bis zur Pensionierung noch anständig hinter sich zu bringen und hängt in ihren Gedanken mehr in der Vergangenheit: bei der Tochter Claudia, die den Kontakt zu ihr abgebrochen hat und nur aus der Ferne mit einer Postkarte über ihre Hochzeit mit Steven informiert, bei ihrem Mann Wolfgang, der sie schon jahrzehntelang mit einer anderen Frau betrog und sich jetzt mit seiner Straußenzucht betrog.

Vom Leben erwartet Inge nicht mehr viel: Sie hat sich auf die Position der abgeklärten, analytischen Beobachterin zurückgezogen. Um sich herum sieht sie nur noch Verfall: die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ sind ausgeblieben, stattdessen leeren sich und überaltern die Dörfer in Mecklenburg. Für die Zukunft der Menschheit sieht sie ohnehin schwarz: sie werde nur eine Fußnote in der Erdgeschichte sein und ebenso aussterben wie der Auerochse, der Dodo und der Tasmanische Beutelwolf. Den Menschen fehle die Anpassungsfähigkeit der Pilze, Moose und Flechten. Um diese Thesen zu illustrieren, bekommt Bernd Moss den Schädel einer Seekuh aufgesetzt und verschwindet Linn Reusses Gesicht hinter Farnen.

Bernd Moss, Judith Hofmann, Linn Reusse

Diese Fassade der zynischen Abgeklärtheit bröckelt, als Inge für ihre Schülerin Erika zu schwärmen beginnt. Zwischen all den pickligen, talgigen Raupen, von denen sich die wenigsten zu Schmetterlingen verwandelt, sticht sie hervor und wird zur Projektionsfläche von Inges unterdrückten Sehnsüchten.

Philipp Arnold setzt die Vorlage sehr behutsam um. Die langen Textblöcke verteilt er auf seine drei Spieler*innen: Inge Lohmark wird über weite Strecken von Judith Hofmann verkörpert. Die inneren Monologe werden oft aber auch auf zwei Spieler*innen aufgeteilt, dann wechselt sich Hofmann mit Linn Reusse und Bernd Moss ab. Szenisch passiert an diesem Abend, bei dem der Text im Mittelpunkt steht, wenig.

„Der Hals der Giraffe“ ist in seiner Bitterkeit, mit der die Hauptfigur mit ihrer Umwelt abrechnet und sich selbst entlarvt, ein sehr melancholischer Text. Die gelungene Studio-Produktion in der Box des Deutschen Theaters Berlin hatte im September 2019 Premiere und war Teil des „30 nach 89“-Programmschwerpunkts zum Mauerfall-Jubiläum.

Bilder: Arno Declair

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