Hasta la Westler, Baby!

Als einen Abend zwischen „Reflexion und Quatsch“, zwischen „post-dramatischem Zirkus und Philosophie“ beschreibt Jürgen Kuttner, Co-Regisseur, Conférencier und Performer diese knapp zweistündige Revue in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin.

Zum 30. Jubiläum der deutschen Einheit haben Jürgen Kuttner und Tom Kühnel gemeinsam mit ihrem Ensemble einen amüsanten Kessel Buntes entwickelt, in dem ein ABBA-Cover-Version neben Heiner Müllers „Herzstück“ stehen kann, Erich Honeckers Verteidigungsrede im Prozess um den Schießbefehl genauso ihren Platz hat wie ein ironisches Schlager-Medley, die berühmt-berüchtigten Video-Schnipsel von Jürgen Kuttner mit einem SFB-Ausschnitt des jungen Cherno Jobatey neben einem hellsichtigen Essay von Günter Gaus aus dem Jahr 1992 über Probleme im Einigungsprozess. Die nötige Würze erhielt der Abend durch penetrante Beifallskundgebungen und Zwischenrufe eines Zuschauers aus Reihe 11, wann immer eine besonders kapitalismuskritische Äußerung auf der Bühne fiel.

Bei aller Vielfalt der Revue kristallisierten sich doch zwei zentrale Stränge heraus: Erstens die harsche Kritik am Ausverkauf des Ostens, die schon die Text-Collage „Erinnerungen an einen Staat“ von Corinna Harfouch und Alexander Scheer vor wenigen Wochen nebenan auf der großen Bühne des Deutschen Theaters prägte. Schon als Vorspann laufen faktenreiche Anklage-Texte auf den Displays über der Bühne, die an Beispielen wie der Verlagsbranche aufzeigen, an welchen Stellen ostdeutsche Kombinate und Betriebe unter Wert an westliche Glücksritter verscherbelt wurden.

Zweitens referiert das Ensemble ausführlich aus den „Einheit. Berliner Theatertagebüchern 1991-1996“ von Michael Eberth, der mit Intendant Thomas Langhoff nach dem Mauerfall als Chefdramaturg von den Münchner Kammerspielen ans Deutsche Theater Berlin wechselte. Mit viel Witz, häufig polemisch, oft aber auch stark resignierenden Untertönen berichtet er von seinen Auseinandersetzungen mit den etablierten Strukturen und zum Teil alten Seilschaften am DT, die ihn als Neuankömmling aus dem Westen sehr kritisch beäugten, vom Werben um das gutsituierte Bildungsbürgertum in West-Berlin, der klassischen Schaubühnen-Klientel, um das Wegbröckeln des ostdeutschen Publikums in den 90er Jahren zu kompensieren, und von der Abgrenzung vom Duo Frank Castorf/Matthias Lilienthal, das damals an der Volksbühne durchstartete. Wie tief die Gräben am DT damals waren, wurde im November 2016 bei der Buchvorstellung, bei der unversöhnliche Rededuelle eskalierten und für eine sehr unangenehme Stimmung im Saal des DT sorgten.

Der Abend hüpft vergnügt von Thema zu Thema, springt von nachdenklichen Momenten zu lustvoll-alberner Schlager-Parodie und wieder zurück. Zwangsläufig leidet darunter der Tiefgang, die Konturen verschwimmen, vieles bleibt beliebig. Dank der Spielfreude des gut aufgelegten Ensembles gibt es aber auch immer wieder schöne Momente wie die groteske Annäherung von Maren Eggert und Peter René Lüdicke, die sich von ihren ersten Bahnfahrten in den anderen Teil Deutschlands erzählten, von ihren Vorurteilen und Ängsten, oder Lüdickes bissiges „Ostdeutschland war von Anfang an ein Fehler“-Solo nach einem provozierenden Text des britischen Historikers James Hawes sowie die zahlreichen komödiantischen Gesangseinlagen, die den Abend durchziehen.

Bilder: Arno Declair

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