Wolken. Heim.

1988 war Bonn noch Hauptstadt. Das Theater gab bei Elfriede Jelinek, die sich zwar als Romanautorin schon einen Namen gemacht hat, aber noch weit von ihrem Ruhm als Nobelpreisträgerin entfernt war, ein Stück zum Spielzeit-Motto „Wir Deutschen“ in Auftrag.

Heraus kam ein nur 14 Seiten kurzer Text, eine Collage aus RAF-Zitaten und Philosophie-Schnipseln von Heidegger über Hegel bis Hölderlin. Mit dem sperrigen Text, der ebenso schwer zu lesen wie von den Spieler*innen zu sprechen ist, probierte Jelinek ein neues Format aus, das zu ihrem Markenzeichen wurde: die assoziativen Textflächen, aber noch ohne die Kalauer und Wortspiele, die ihre neuen Stücke prägen.

Der Einfall der DT-Dramaturgie, dieses Stück dreißig Jahre später in den Spielplan des Deutschen Theaters Berlin zu nehmen, einer der wichtigsten Bühnen der neuen Hauptstadt im größer gewordenen Deutschland, hat seinen Reiz. Die zentralen Themen der Text-Collage, die Fragen nach dem „Wir“, nach der nationalen Identität, nach einem Deutschlandbild jenseits rückswärtsgewandter Romantisierung ist heute, angesichts der Wahlerfolge der AfD und einer Diskurs-Verschiebung nach Rechts, hochaktuell.

Doch leider macht sich Regisseur Martin Laberenz gar nicht erst die Mühe, den dreißig Jahre alten Text auf seine Gegenwartstauglichkeit abzuklopfen. Seine Inszenierung kommt über stumpfes Deklamieren des Textes von der Rampe nicht hinaus. Außer durch eingestreute Songs wie „Mont Klamott“ von Silly, den Lorena Handschin vorträgt, wird der monotone Vortrag nur dadurch aufgelockert, dass die fünf Spieler*innen den Ort und die Kostüme wechseln: mal entspannt in den Liegestühlen, mal stehend an der Rampe, mal oben auf aufgetürmten Barrikaden. Zunächst tragen alle fünf grüne Kostüme, nach und nach schlüpfen sie in edles Schwarz.

Edgar Eckert, Lorena Handschin, Birgit Unterweger, Holger Stockhaus, Regine Zimmermann

Bei seiner letzten Jelinek-Inszenierung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin thematisierte Regisseur Laberenz die vielen Fragezeichen, die Jelineks „Wut“ bei ihm und seinem Ensemble hinterließ, noch in witzigen und geistreichen Szenen, die in einem slapstickhaft-gedehnten „Hä?“ und einem SOS-Ruf gipfelten. Mit dem älteren Text „Wolken.Heim.“ konnte Laberenz offensichtlich noch weniger anfangen.

Etwas mehr als eine Stunde prasseln die Textbrocken auf das Publikum nieder und rauschen schlicht vorbei: ohne einen interessanten Regie-Einfall, ohne eine erkennbare Frage an den Text. Das Schlimmste: Trotz hervorragender Spieler*innen und dem Comedy-Stargast Holger Stockhaus schleppt sich „Wolken.Heim.“ öde dahin: eine der misslungensten und langweiligsten Inszenierungen dieser Spielzeit.

Bilder: Arno Declair

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