Wir sind das Volk – Ein Musical

Die slowenische Rockband Laibach und die Internationale Heiner Müller-Gesellschaft fanden sich zu einem ungewöhnlichen Projekt zusammen, das sie als „Musical“ vorstellten.

Tatsächlich erlebt das Publikum im Kreuzberger HAU 1 ein Monumental-Rock-Konzert, das mit beachtlicher Dezibel-Stärke vor den Video-Arrangements von Komposter live performt wird. In ihrem gewohnten Stil, der im deutschen Sprachraum mit Rammstein vergleichbar ist und seit drei Jahrzehnten immer wieder für Wirbel und Provokationen sorgt, spielen sie mit der NS-Ästhetik: Zu martialischen Klängen lassen sie protzige Trutzburgen über die Leinwand flimmern. Gebrochen wird dies durch Europa-Karten, auf denen die Namen von KZs aufschimmern, oder durch eine lange Litanei von deutschen Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben oder in die Rüstungsproduktion verstrickt waren.

In einem ähnlich hämmernden Duktus wie Laibach treten nach den einzelnen Rock-Nummern einige Performer*innen an die Rampe und wechseln sich darin ab, (oft autobiographische) Texte von Heiner Müller ins Publikum zu deklamieren. Meist geht es auch hier um düstere Themen: die Ausgrenzung, die er als Kind erlebte, als er mit den Eltern als Fremder aus Sachsen nach Mecklenburg kam, die letzten Kriegswochen, die Müller beim Volkssturm erlebte, die Verbrechen und Ruinen. Einer der ersten Texte, das Märchen vom eigensinnigen Kind, wird Volker Spengler, einem der prägenden Spieler vieler Fassbinder-Filme und der Volksbühne, gewidmet, der heute mit 81 Jahren verstorben ist.

Als der letzte Ton verklungen ist und die komplette Lichtbatterie ins Publikum aufblendet, tritt Peter Mlakar, einer der Laibach-Köpfe, an die Rampe, liest dem deutschen Publikum in starkem Akzent die Leviten und erinnert an die historische Schuld.

Zwischen all dem lauten, kraftmeiernden Wumms der Musiker*innen und der geballten Ladung Heiner Müller-Pessimismus, die mit Bildern aus seinem Fotoalbum, ein paar Fremdtexten von Bertolt Brecht und Werken von Gottfried Helnwein angereichert werden, bleibt wenig Raum für Nuancen und neue Erkenntnisse.

Bild 1: Dorothea Tuch; Bild 2: Laibach _ Valnoir

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