Romeo und Julia

Die Kritiken waren 2017 begeistert, als Pinar Karabulut erstmals auf der großen Bühne inszenieren durfte. Sie lobten die Leichtigkeit und Schnörkellosigkeit, mit der sie das berühmteste Liebes-Drama der Weltliteratur inszenierte. Im folgenden Jahr war sie auch zum „Radikal jung“-Festival des Münchner Volkstheaters eingeladen.

Das machte mich neugierig, mir ein eigenes Bild zu machen. Dieser Blick ist aber mit mehreren Einschränkungen verbunden: Seit Jahren kann das Schauspiel Köln nur eine Ausweichspielstätte, eine triste Halle, bespielen, die sie mit rheinischem Frohsinn liebevoll und passend zur dortigen Atmosphäre „Depot 1“ nennen. Eine Herausforderung für jede Regisseur*in… Hinzu kommt, dass in Zeiten der Corona-Pandemie kein Live-Erlebnis möglich ist und wir auf das „Dramazon Prime“-Streaming-Angebot des Schauspiels (noch bis 30. März, 18 Uhr) angewiesen sind: einen Mitschnitt der Generalprobe, bei der öfter mal ein Fotograf durchs Bild huscht.

Trotz aller Einschränkungen vermittelt auch der Stream einen Eindruck davon, was für eine amüsante, bis in die Nebenrollen gut besetzte und sehr schön choreographierte Inszenierung damals in Köln gelang.

Schon die erste Szene gibt den Ton vor: hinter Plexiglas zucken die Figuren zu Techno-Beats, nach und nach lernen wir sie kennen: Yvon Jansen als Lady Capulet, eine schrille Schreckschraube, deren „Julia“-Kommandos aus dem Off ahnen lassen, mit wie strenger Hand sie ihre Tochter hin- und herschubst, Sabine Waibel als Amme, die zwischen den Fronten zu vermitteln versucht, Simon Kirsch als Mercutio, dessen homoerotische Facetten hier deutlich in den Mittelpunkt gestellt werden, vor allem aber Kristin Steffen als Julia mit roter Perücke und ihr blonder Romeo Thomas Brandt.

Thomas Brandt als Romeo

Es ist erstaunlich, wie frisch Karabulut und ihr Ensemble die jahrhundertealte Shakespeare-Tragödie von „Romeo und Julia“ spielen, die sonst oft ziemlich abgedroschen wirkt. Leitmotivisch ist die Inszenierung von Popsongs unterlegt, wie Zombies schleichen die Figuren, die Romeo und Julia ins Totenreich vorausgingen, in Zeitlupe an den Plexiglas-Spiegeln vorbei.

Bilder: Krafft Angerer

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