Operette

Als „absurdes Musical, in dem gesungen, getanzt und aufziehpuppenhaft getrippelt wird“, beschrieb die Frankfurter Rundschau die „Operette“ von Regisseur Philipp Rosendahl und Thorsten Drücker, die am Staatstheater Kasssel im Januar 2019 Premiere hatte und sich dort zum Kult entwickelte. Für Aufmerksamkeit sorgten schon vorab die Aufrufe, dass fürs Finale 250 nackte Statisten aus der Region gesucht wurden.

Bis zu dieser Gruppenszene entspinnt sich eine schräge Groteske, die auf der „Operette“ basiert, einem absurden Theater-Stück des Polen Witold Gombrowicz aus dem Jahr 1966. Dass dieser Text heute kaum noch gespielt wird, liegt zum einen an den sehr skurrilen Karikaturen aus dem Adel, der sich im fiktiven Schloss Himalaj trifft und ironisch alle Klischees der Operettengattung bedient. Zum anderen liegt es daran, dass die „Operette“ sehr stark dem Zeitgeist der späten 1960er Jahre mit ihrer Faszination für sexuelle Freizügigkeit und Revolutions-Phantasien verhaftet ist.

Beide Themen ziehen sich leitmotivisch durch den kruden Plot über einen Wettkampf zwischen Graf Charme Himalaj (Caroline Dietrich in einer Hosenrolle) und Baron Firoulett (Konstantin Marsch), wer mehr Frauen verführen kann. Für die politische Revolution steht der sich ständig übergebende Professor (Philipp Basener), für die sexuelle Revolutin das ständig „Nacktheit“ einfordernde Albertinchen (Meret Engelhardt).

Interessant macht den 2,5stündigen Abend vor allem die Musik, die Thorsten Drücker zur Vorlage von Gombrowicz komponiert hat und die auf Spotify und iTunes abrufbar ist. Die musikalische Untermalung ist ein irrwitziges Spiel mit Stilen, der Komponist zitiert von Schlager über Barock und Pop bis HipHop und Rock alles, was ihm in den Sinn und in die Finger kommt, und verleiht dem grotesk-schrägen Abend damit den nötigen Charme.

Bilder: Nils Klinger

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