Die Tragödie von Romeo und Julia

Als große Indiepop-Oper inszenierte Jette Steckel den Shakespeare-Klassiker zum Spielzeit-Auftakt des Thalia Theaters 2014.

Die TV-Aufzeichnung, die 3sat schon kurz nach der Premiere realisierte, obwohl der Abend nie zum Theatertreffen eingeladen war, zeigt, was ein Stream im besten Falle leisten kann. In Großaufnahme fängt die Kamera die Verzweiflung und die Liebes-Sehnsucht in den Gesichtern der beiden Hauptdarsteller*innen Birte Schnöink und Mirco Kreibich ein. Wie viel kommt davon noch in Reihe 10 oder 15 des Parketts oder gar erst im Rang bei einer „normalen“ Live-Theater-Aufführung am Alstertor an?

Das Besondere an dieser Inszenierung sind die Verspieltheit und Opulenz, mit der Steckel das schon oft gesehene, bekannteste Liebesdrama der Weltliteratur so umsetzt, dass auch drei Stunden nicht langweilig werden.

Beide Hauptrollen werden vervielfacht: Für die erste Dopplung sorgen die Live-Musiker*innen Anja Plaschg (Soap&Skin) und
Anton Spielmann (1000 Robota) komponierten. In entscheidenden Momenten der Inszenierung werden sie zu einer zweiten Julia und einem zweiten Romeo. Sie umkreisen die Hauptdarstellerinnen, greifen ihre Sätze, Gedanken und Gefühle auf und übersetzen sie in melancholische Pop-Songs. Mal sind Schauspieler*innen und Musiker*innen-Alter ego gemeinsam auf die Bühne, oft steht aber in dieser hochmusikalischen Inszenierung das Musiker*in-Double allein im Zentrum der Bühne.

Für eine weitere Vervielfachung sorgen die je 20 Romeos und Julia, Hamburger Teenager*innen, die in geisterhaften Choreographien von Dorothea Ratzel über die Bühne von Florian Lösche kreisen.

Bis in die Nebenrollen ist dieser Abend, der raffiniert mit Licht- und Schatteneffekten spielt glänzend besetzt: Karin Neuhäuser als Amme lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, ein paar Slapstick-Soli zum Stichwort „Rum“ zu performen, Oda Thormeyer und Tilo Werner geben die eisig-strengen Eltern der Julia, Julian Greis und Pascal Houdus spielen Romeos Freunde Mercutio und Benvolio.

Auch als Aufzeichnung auf dem Bildschirm bleibt viel vom besonderen Reiz erhalten, der diese „Romeo und Julia“-Inszenierung auszeichnet, die 2015 den „Faust“-Preis des Deutschen Bühnenvereins erhielt.

Neben „Caligula“, einer frühen Parforce-Tour von Mirco Kreibich durch die Box des Deutschen Theaters Berlin, ist diese Klassiker-Adaption aus meiner Sicht Jette Steckels beste Arbeit.

Bilder: Armin Smailovic

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