Dekalog

Schon der Einführungs-Vortrag von Regisseur Christopher Rüping war von einer technischen Panne begleitet. Die Probeabstimmung missglückte. Noch schlimmer wurde es, als der Stream mehrfach hakte und abbrach. Über solche technischen Mängel könnte man hinwegsehen, wenn das Format nicht auch dramaturgisch so schwach wäre.

Das Schauspielhaus Zürich und Hausregisseur Rüping haben sich vorgenommen, in Zeiten der Corona-Pandemie ein Ersatz-Programm im Netz auszuprobieren. Aus der Not des Abstands-Gebots kamen sie auf die Idee, frei nach den zehn Episoden der „Dekalog“-Serie, die der legendäre polnische Filmemacher Krzysztof Kieślowski 1988/89 für das polnische Fernsehen entwickelte, zehn Online-Monologe an drei Wochenenden zu gestalten.

Mit diesem Stoff befasste sich Rüping schon 2013/14 in einer Inszenierung für die Kammerspiele des Schauspiels Frankfurt. Er wählte damals sieben der zehn Episoden aus, die im Original zehn Stunden dauern, und straffte sie auf 1/4 der Zeit. Schon damals nutzte er aber ein Tool, das er auch diesmal stolz als interaktiven Coup präsentierte: die Zuschauer*innen im Frankfurter Theatersaal waren dazu aufgerufen, mit dem Abstimmungsknopf über die moralischen Dilematta zu entscheiden, die exemplarisch in den Spielszenen verhandelt wurden. Die Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla berichete glaubhaft, dass diese Abstimmungen anfangs reizvoll waren, aber sich als „Running Gag“ schnell tot liefen.

Sieben Jahre später fällt das Fazit noch ernüchternder aus: Um machina eX, Rimini Protokoll oder den Katalanen Roger Bernat mit seinem „Pendiente de voto“ hat sich ein ganzer Zweig der Theaterszene entwickelt, der zum Teil abendfüllend mit Abstimmungs-Marathons experimentiert. Diese Versuche kamen aber meist nicht über amüsante Spielereien mit geringem Erkenntnisgewinn hinaus. Beim „Dekalog“ erleben wir nur die Schrumpfform einer Abstimmung: kurz vor dem Ende jedes Monologs soll das Publikum einmal über eine Frage abstimmen. Das wirkte im ersten Teil nur wie ein krampfhaft an den Haaren herbeigezogener Versuch, ein bisschen Interaktivität zu simulieren.

Auch Thomas Wodianka, der am Gorki Theater zum Beispiel mit seiner „Small Town Boy“-Wutrede zeigte, dass er ein Meister des Monologs ist, kann in diesem Format nicht bestehen. Im Plauderton verliert er sich zwischen Sichtbeton, seinem Sohn Paul, dem Animationsfilm „Finding Nemo“, Christopher Walken, Eiskunstlauf und seinen regelmäßigen Gängen zum Kühlschrank. Seinem Monolog fehlt jeder Ansatz eines Feinschliffs und er ist dermaßen öde, dass sich die munter vor sich hinschnatternde Crowd im Live-Chat lieber mit sich selbst beschäftigt. Die beiden einzigen spannenden Fragen der Auftaktfolge sind: Wann stürzt die Technik zum nächsten Mal ab? Und wann säuft Paul so ab wie das gesamte Format?

Enttäuschtes Fazit nach der ersten Episode:

Technisch unausgereift und dramaturgisch öde schleppt sich die erste Stunde dahin. Als Fazit bleibt die Erkenntnis, wie kratertief die Lücke zwischen diesem Experiment und einem gelungenen Bühnen-Live-Erlebnis klafft.

Damit bleibt dieses Online-Format schmerzhaft deutlich hinter der Variante zurück, auf die andere Bühnen in diesen Tagen setzen, nämlich ein Best-Of aufgezeichneter Inszenierungen ins Netz zu stellen. Sicher sind das manchmal nur fade Aufgüsse und blasse Kopien, aber in ihren besten Momenten konservieren diese Mitschnitte einen großen Teil des Zaubers und der Energie der Original-Erlebnisse.

Wiedereinstieg zur vierten Episode:

Eine Woche nach der Premiere schickte Christopher Rüping für den vierten Teil („Du sollst Vater und Mutter ehren“) erstmals eine Spielerin aus seinem Kern-Team ins Rennen. Mit Wiebke Mollenhauer hat er schon an der Schauspielschule zusammengearbeitet, zu seinem Start als Hausregisseur in Zürich warb er sie vom Deutschen Theater Berlin ab.

Ihr Monolog beginnt verträumt wie ein Pop-Video. Sie tänzelt in den ersten Einstellungen schweigend durch ein wucherndes Labyrinth und kokettiert in der Rolle der zwanzigjährigen Schauspielschülerin Anka, die Rüping aus der Kieslowski-Serie übernommen hat, mit einem Image zwischen Lolita und Prinzessin Leia aus „Star Wars“. Leitmotivisch kreist das Vater-Tochter-Inzest-Dramolett um die Hollywood-Edel-Schmonzette „Bodyguard“ mit Kevin Costner und dem „I will always love you“-Ohrwurm von Whitney Houston.

Technisch sind gewisse Fortschritte erkennbar. Der Stream ruckelt nicht mehr so und stürzte auch nicht ab, auch die Abstimmungen haben diesmal mehr als nur Alibi-Funktion.

Ästhetisch und inhaltlich kommt der Monolog aber nicht über eine Spielerei hinaus. Immer noch fehlen interessante dramaturgische Ansätze und überzeugende Regie-Einfälle, die aus einem beliebig vor sich hinplätschernden Monolog im Idealfall ein sehenswertes Erlebnis machen würden. Davon ist der „Dekalog“ aber noch ein großes Stück entfernt.

Bilder: Schauspielhaus Zürich

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