Linie 1

Fast 2.000 mal wurde dieses Musical von Volker Ludwig seit der Premiere am 30. April 1986 bereits am Grips Theater gespielt.

Das Kultstück fängt den Zeitgeist einer längst vergangenen Epoche ein: Eingezwängt von der Mauer hatten es sich die West-Berliner damals auf ihrer kleinen Insel gemütlich gemacht. Punks, Hausbesetzer, Lebenskünstler nutzten in Kreuzberg die Freiräume, sich dem Leistungsdruck zu entziehen und alternative Lebensentwürfe zu probieren. Am anderen Ende der Linie 1, zehn Stationen weiter, pochten die „Wilmersdorfer Witwen“ auf Ordnung und Disziplin und pflegten die kleinbürgerlich-preußischen Sekundärtugenden.

Kern des Musical-Plots ist, dass ein naives Landei aus West-Deutschland auf die Märchen eines Popstars hereinfällt. Die schwangere junge Frau bricht aus der Provinz auf und steht morgens um 6 Uhr voller Hoffnung am Bahnhof Zoo: zwischen Obdachlosen, Junkies und Nachtschwärmern.

In den knapp drei Stunden erzählt Volker Ludwig, wie die junge Frau auf dem Boden der Tatsachen landet, und porträtiert dabei die Gestalten, die ihr in dieser Berliner U-Bahnlinie begegnen. Er zeigt rassistische und homophobe Ewiggestrige, sympathische Nachbarn von nebenan, Trickbetrüger, liebenswerte Schlitzohren, schwer suchtkranke Alkoholiker, gestresste Büroangestellte auf dem Weg zur Arbeit und Verzweifelte.

Die „Linie 1“ schildert zwar vor allem die dunklen Seiten des Großstadt-Dschungels, die Anonymität, die Einsamkeit und die Armut, aber wie es für das Grips Theater typisch ist, bleibt der Grundton warmherzig und immer mutmachend. Der Tristesse gewinnt das Musical eine Reihe toller Songs ab, mal melancholisch, mal satirisch, oft auch heiter.

Legendär ist die bissige Abrechnung mit den „Wilmersdorfer Witwen“, die 40 Jahre nach Kriegsende die Frontstadt gegen die Russen verteidigen und die Pension ihrer Nazi-Männer mit Torte im KaDeWe verprassen. In dieser Szene ist sehr deutlich zu erkennen, aus welcher Tradition das Grips Theater entstanden ist, nämlich aus dem politischen „Reichskabarett“ der 68er Studentenbewegung.

Manche Figuren aus dem sonderbaren Soziotop, das die „Linie 1“ porträtiert, wirken aus heutiger Sicht schrullig, andere jedoch gerade in Zeiten von Corona hochaktuell. Der Verschwörungstheoretiker, der damals mit fotokopierten Flugblättern durch die Waggons hetzt und gegen Gehirnwäsche durch die CIA wettert, tummelt sich heute in Facebook-Gruppen und protestiert anschließend mit Attila Hildman vor dem Brandenburger Tor.

Auch der Song „Wir sehen aneinander vorbei“ über die Berufspendler in der Rush hour hat drei Jahrzehnte nach der Premiere nichts von seiner Aktualität verloren.

Bilder: ©David Baltzer/bildbuehne.de

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