Brecht-Klassiker Die Mutter/Mutter Courage und ihre Kinder

Zwei berühmte Brecht-Inszenierungen holten die Berliner Theater in dieser Woche aus ihren Archiven. An diesen Arbeiten lassen sich nicht nur die Techniken des epischen Theaters und der politischen Lehrstücke von Bertolt Brecht studieren. Beide Inszenierungen begründeten auch eine Theater-Ära und waren konstitutiv für das Selbstverständnis der Häuser.

Mit „Mutter Courage und ihre Kinder“ eröffneten Brecht und seine Frau Helene Weigel ihr Berliner Ensemble: Nach der Zürcher Uraufführung von 1941 und der Rückkehr aus dem Exil nach Ost-Berlin inszenierten sie das Stück 1949 zunächst am Deutschen Theater Berlin und ab 1954 wenige Meter weiter auch an ihrem eigenen Haus, dem Theater am Schiffbauerdamm, das bis heute den Namen Berliner Ensemble trägt.

Brecht konzipierte diese knapp dreistündige Arbeit als Modell-Inszenierung für sein episches Theater. Stoisch zieht Helene Weigel mit ihrem schweren Planwagen ihre Runden über die Bühne. Bauernschlau möchte die Marketenderin Mutter Courage zwischen den ständig wechselnden Fronten des Dreißigjährigen Krieges ihre Geschäfte machen und verliert dabei am Ende alle drei Kinder.

Ästhetisch und theoretisch prägen längst andere Handschriften als Brechts dialektisches Theater die deutschen Bühnen. Der Abend ist deshalb vor allem theaterhistorisch interessant, aber nicht nur: Bemerkenswert ist die Präsenz, mit der Helene Weigel diesen Abend trägt. Ursprünglich, als Brecht das Drama noch im Exil schrieb, war die Rolle der stummen Katrin für sie gedacht. In der Titelrolle der Mutter Courage glänzt Weigel mit schnoddrigem Humor. Ihre Figur ist sichtlich abgekämpft und muss ständig Rückschläge erleiden, verliert aber nie ihren Optimismus und den Überlebens-Willen.

Der lakonische Ton und die leichten Einschläge eines Wiener Schmähs erinnern sehr an die Spielweise der österreichischen Schauspielerin Adele Neuhauser, die in Heinrich Breloer „Brecht“-Biopic eine Idealbesetzung für die Rolle der Helene Weigel war.

Während die „Mutter Courage und ihre Kinder“ sehr kühl die Verstrickung einer Frau in Kapitalismus und Krieg seziert, ist „Die Mutter“ ein klassisches Lehrstück, das sein Publikum direkt agitiert. Bertolt Brecht schrieb dieses Drama ebenfalls in seinem Exil während des Zweiten Weltkriegs und nutzte Maxim Gorkis sozialrevolutionären Roman „Die Mutter“ als Vorlage.

Peter Stein und seine beiden Co-Regisseure Wolfgang Schwiedrzik / Frank-Patrick Steckel übernahmen 1970 die Schaubühne am Halleschen Ufer, die anderthalb Jahrzehnte lang die west-deutsche Theaterszene dominierte. Beseelt vom revolutionären Elan der 1968er Studenten-Proteste träumten sie von einer gerechteren Gesellschaft und erprobten an ihrem Haus Mitbestimmungs-Modelle.

Auch wenn sie diese gesellschaftspolitischen Experimente einer neuen Theater-Praxis schnell wieder aufgaben und die Ära Peter Stein im Rückblick vor allem mit elegischen Tschechow-Inszenierungen und klassisch-psychologisches Literaturtheater verbunden ist, war „Die Mutter“ von 1970 ein wichtiger Meilenstein und im kommenden Jahr gleich zum Theatertreffen eingeladen.

Betont distanziert sitzen die Spieler*innen zu Beginn am Küchentisch und lesen die ersten Passagen des Textes. Als die Handlung einsetzt, ist die Titelfigur zunächst eine ängstliche Bedenkenträgerin. Von der Wucht der Ereignisse überrollt, von den jungen Sozialrevolutionär*innen getrieben, stellt sie Fragen und versucht, sich am Bewährten festzuklammern.

Brechts Lehrstück zeigt eindrucksvoll die Entwicklung, die Pelagea Wlassowa, Arbeiterin und Mutter, durchmacht. Ihre Fragen werden weniger naiv, sie durchblickt die Zusammenhänge und ist schließlich eine kämpferische Genossin, die am Ende die rote Fahne schwenkt und für ihre Überzeugung eintritt.

Diese Figur war eine Paraderolle für Therese Giehse, die nach der Rückkehr aus dem Exil bei Brecht/Weigel am Berliner Ensemble engagiert war, bevor sie an die Münchner Kammerspiele ging und hier als Gast an der Schaubühne zu erleben war.

Wie Helene Weigel als „Mutter Courage“ den Abend trägt, ist hier Therese Giehse das Kraftzentrum des Abends. Dies verbindet die beiden unterschiedlichen theater-historischen Brecht-Aufführungen aus Ost- und West-Berlin.

Bild: Hainer Hill, Adk Berlin

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