Revue 2020

Ein zwanzig Meter großer Zeppelin sollte eigentlich hier auf dem Zürcher Münsterhof stehen, erzählt Lisa-Katrina Mayer augenzwinkernd. Als Höhepunkt der Festspiele Zürich war eine „Revue 2020“ geplant, in der ein großer Chor Chansons aus den 1920er Jahren zu Gehör bringen und Opernarien schmettern sollte. Dieser Albtraum jedes Virologen und Aerosol-Forschers war in Corona-Zeiten natürlich nicht möglich. Wie viele andere mussten auch Antje Schupp und Gregor Brändli ihr Projekt neu konzipieren und ins Netz verlegen. Heraus kam „Revue 2020 – Zurück ist die Zukunft. Ein filmisches Essay in sieben Kapiteln“, das vergangene Woche in kleinen Häppchen á ca. 15 Minuten online präsentiert wurde und noch bis Oktober abrufbar ist.

Durch Corona verschieben sich zwangsläufig die Akzente: Statt einer faszinierten Hommage an den Tanz auf dem Vulkan der Weimarer Republik, dem ein brutaler Absturz in die Nazi-Barbarei folgte, wird eine melancholische Zeitdiagnose. Der Blick zurück in den Januar in die Prä-Corona-Zeit wirkt wie eine Erinnerung an eine frühere Epoche. Die verheerenden Waldbrände, die damals in Australien tobten, stehen im Zentrum der zweiten Episode „Feuer“.

Der beschwingt-leichte Ton des Anfangs weicht mehr und mehr einem Requiem. Es werden zwar immer wieder Songs aus den 1920er Jahren wie z.B. Kurt Weills „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ eingestreut und Lisa-Katrina Mayer, langjähriges Ensemble-Mitglied des Zürcher Schauspielhauses während Barbara Freys Intendanz, bemüht sich in ihrer Doppelrolle als Conférencière und Sängerin um einen ironisch-koketten Ton. Mehr und mehr dominieren aber schwermütig-düstere Opern-Arien von vier Solist*innen des koproduzierenden Zürcher Opernhauses (Rebeca Olvera/Sopran, Christina Daletska/Mezzosopran, Iain Milne/Tenor, Cheyne Davidson/Bariton), die um die Themen Tod und Vergänglichkeit kreisen und im apokalyptischen „Dies irae“ von Karl Jenkins in der vorletzten Episode gipfeln.

Als pathetischer, fast schon zu kitschiger Kontrapunkt folgt darauf die Hymne der Bürgerrechts-Bewegung „We shall overcome“, bevor das kleine Ensemble auf der Dachterrasse gemeinsam über die „neue Normalität“ und die Frage, ob Corona langfristig etwas verändert, räsoniert.

Pressefotos_Revue_2020_© Revue 2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.