Waves

Mit einem intensiven Drama machte der Regisseur Trey Edward Shults auf sich aufmerksam: Nach dem Thriller-Kammerspiel „It comes at night“ (2019) ist „Waves“ sein zweiter Film, der in unsere Kinos kommt.

Nicht nur Knut Elstermann wunderte sich, warum dieser Film nach seiner Premiere beim Telluride Festival ohne jede Oscar-Nominierung blieb und bei den Academy Awards 2020 komplett übersehen wurde.

Bemerkenswert ist allein schon die Virtuosität, mit der Shults seine filmischen Mittel einsetzt: Lange, elegische Einstellungen wechseln mit temporeichen, rasanten Zuspitzungen, die eher an Musik-Video-Clips erinnern. Während Anfang und Schluss im Kino-Standardformat gedreht wurden, wirken die Figuren im 4:3-Format des Mittelteils wie in einen zu engen Käfig eingesperrt und gestaucht.

Der Druck, der auf Tyler (Kelvin Harrison Jr.) lastet, wird früh spürbar. Der strenge Vater ist das männliche Pendant zu den berüchtigten Eislaufmüttern und treibt seinen Sohn immer weiter an. Als Schwarze müssten sie zehn Mal besser sein, um Erfolg zu haben, lautet ein Schlüsselsatz dieses Dramas über den Zerfall einer afroamerikanischen Mittelschichts-Familie aus Florida.

Als die Schulter von Tyler den Belastungen des Wrestlings nicht mehr standhält, verheimlicht er die Diagnose vor seinem Vater, dem Trainer und den Teamkameraden und kämpft dennoch weiter. Schon die eindringlichen, schmerzhaften Bilder dieser Kämpfe verlangen dem Zuschauer einiges ab. Noch stärker wird der Druck auf Tyler, als er erfährt, dass seine Freundin Alexis (Alexa Demie) schwanger ist. Er drängt sie zur Abtreibung, sie macht Schluss, er rastet aus und setzt eine tödliche Eskalationsspirale in Gang.

Nach der Katastrophe und dem Gerichtsurteil gegen Tyler weiten sich die Bilder langsam wieder vom gestauchten ins Standard-Format. Eine Figur, die bislang nur eine Randrolle spielte, nimmt sich den nötigen Raum: die jüngere Schwester Emily (Taylor Russell). Sie flüchtet vor der erdrückenden Atmosphäre und den gegenseitigen Schuldzuweisungen, mit denen sich Vater Rupert (Sterling K. Williams) und Stiefmutter (Renée Elise Goldsberry) überziehen. Ihre Liebesgeschichte zu Luke (Lucas Hedges) wird zum positiven Gegenpol.

Im letzten Drittel dieses überlangen 137 Minuten-Dramas balanciert „Waves“ oft gefährlich nah an den Abgründen von Kitsch und Sentimentalität, vor allem als der todkranke Vater von Luke, den das junge Paar beim Sterben begleitet, ins Spiel kommt.

Obwohl Shults in manchen Szenen mit zu viel Pathos dick aufträgt, stürzt der Film nicht in Klischeefallen ab, sondern beeindruckt als Talentprobe dieses erst 31 Jahre jungen Regisseurs.

„Waves“ startete am 16. Juli 2020 in den deutschen Kinos.

Bilder: Universal Pictures

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.