Melissa kriegt alles

Während das Publikum mit Maske und Abstand langsam in den Corona-bedingt nur spärlich besetzten Saal des Deutschen Theaters Berlin tröpfelt, laufen Bilder eines vollen Auditoriums über die Video-Leinwand: mit diesem Kontrast zwischen Prä-Corona-Normalität und der aktuellen Ausnahmesituation spielte auch Christopher Nolan in der Eröffnungssequenz seines Blockbusters „Tenet“, der gerade im Kino startete.

Mitten im Stück wird dieses Bild eines vollen Auditorium noch mal eingespielt. Bernd Moss flitzt dazu ganz aufgeregt über die Bühne und zetert, dass seine Kolleg*innen die ganze Zeit über in die falsche Richtung gespielt haben.

Ansonsten kommt Corona an diesem Spielzeiteröffnungs-Abend kaum noch vor. Monatelang rätselten soziologische und feuilletonistische Essays, wie die Pandemie die Welt verändern wohl verändern wird und wie das Theater während und nach Corona aussehen könnte. Darum schert sich René Pollesch nicht weiter, sondern macht ganz unaufgeregt einfach weiter wie bisher, wie er auch schon im Interview mit der Berliner Zeitung durchblicken ließ.

Vieles ist zwar business as usual bei Pollesch: der Abend ist so verqualmt wie meistens und die anspielungsreichen Diskursschnipsel laden zur üblichen Schnitzeljagd durch soziologische, feministische und popkulturelle Gefilde für Nerds. Eine kleine Akzentverschiebung gibt es aber doch: der designierte Intendant der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz, die er in der nächsten Spielzeit übernehmen wird, winkt ein paar Mal deutlich hinüber zu seiner alten, neuen Wirkungsstätte, über der demostrantiv in großen Lettern „OST“ prangte. So viele Live-Video-Einsprengsel (von Ute Schall), die prägend für die Volksbühnen-Ästhetik waren, gab es bei Pollesch selten und auch thematisch verschiebt sich der Fokus: Kathrin Angerer wirkt in ihrem kurzen Röckchen wie aus einem Dostojewski-Abend von Frank Castorf herübergebeamt und spricht bei ihrem ersten Auftritt über einen Brief der Genossin Olga Wesselowskaja, einer Figur aus einer Erzählung der kommunistischen Feministin Alexandra Kollontai, die von Stalin als Botschafterin nach Stockholm weggelobt wurde.

Die „postrevolutionäre Depression“, von der Angerer spricht, ist ein Schlüsselmotiv des Abends, in dem es wieder mal um alles und zugleich nichts geht: Bertolt Brecht und Helene Weigel, Buckow und das Berliner Ensemble, Heiner Müller werden oft beschworen. Dazwischen spiele die Dialoge der Spieler*innen zum erst kürzlich am Thalia Theater adaptierten Film „Opening Night“ von John Cassavetes und Geena Rowland oder es geht einfach nur um Katzenvideos auf Instagram.

Verschnitten wird das Ganze noch mit Referenzen auf die Filmkomödie „Schmalspurganoven“, eine kleine Fußnote im Werk von Woody Allen aus dem Jahr 2000, in der Bankräuber durch einen Tunnel aus der benachbarten Pizzeria in den Tresorraum einbrechen wollen. Martin Wuttke geistert im Prawda-Nachthemd-Look (Kostüme: Tabea Braun) durch die Szenerie, schmiedet schräge Einbruchspläne und wird immer wieder als Ray angesprochen, so hieß auch die Hauptfigur im Allen-Film.

Wuttke und Jeremy Mockridge spielen mit ihren Einlagen an der Pole Dance Stange noch auf einen weiteren Film an, der im Programmheft genannt wird: die Jennifer Lopez-Komödie „Hustlers“ über kriminelle Stripperinnen, die im vergangenen Jahr mit mäßigem Erfolg lief.

Mit all diesen Anspielungen turnt das Ensemble aus Volksbühnen-Veteran*innen und DT-Ensemble-Spieler*innen vergnügt zwischen Hammer- und Sichel-Wänden herum, die von den Bühnenarbeitern öfter mal demonstrativ umgekippt und neu aufgebaut werden (Bühne: Nina von Mechow). Wie üblich bei Pollesch dürfen die Spieler*innen als Ko-Autor*innen auch loswerden, was ihnen auf den Nägeln brennt: Katrin Wichmann macht sich über E-Castings lustig und Jeremy Mockridge stichelt in einem Solo vorne an der Rampe gegen die „Perlen vor die Säue“-Attitüde, mit der Stars wie Benedict Cumberbatch im Londoner Old Vic vor ihr Publikum treten.

Nach 90 Minuten ist der vom Premieren-Publikum mit freundlichem Applaus bedachte Spaß vorbei. Länger ging es bei Pollesch aber auch vor vor Corona selten. Eben fast alles wie immer…

Bilder: Arno Declair

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