Berlin Oranienplatz

Monatelang konnten Theaterfans nur auf die Bildschirme gucken. Die Theater versuchten die harten Monate des Lockdowns mit einer häufig hervorragend kuratierten Auswahl ihrer Archiv-Perlen, die sie als Streams anboten, so erträglich wie möglich zu machen.

Vorsichtig tastend starten die Bühnen nun in die neue Spielzeit. Neben der enormen Einschränkung, dass nur noch ca. 20 % der Zuschauer*innen pro Abend eingelassen werden dürfen, sind auch die Corona-Abstandsregeln auf der Bühne zu beachten. Wie können die Spieler*innen möglichst lebendig und zwanglos interagieren, sich in einen Spielrausch hineinsteigern, ohne die strengen Auflagen des Infektionsschutzes zu verletzen?

Hakan Savaş Mican, Hausregisseur am Gorki Theater, entschied sich dafür, auf vorproduziertes Filmmaterial zu setzen. Eine für ihn vermutlich naheliegende Entscheidung, da er nach dem Architekturstudium zunächst Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studierte und Dokumentarfilme für arte und den RBB Dokumentarfilme drehte, bevor er am Ballhaus Naunynstraße eine künstlerische Heimat fand. Aber es ist schon eine kuriose Pointe, die er sich zur Gorki-Saisoneröffnung ausgedacht hat: Nach Monaten vor dem heimischen Laptop oder Smart-TV sitzen wir nun gemeinsam im Theatersaal – und starren wieder auf eine Filmaufnahme, die von Streaming-Gegnern so gern als „Konserve“ geschmäht wurde.

Vor allem die erste Hälfte des Abends „Berlin Oranienplatz“ spielt sich über weite Strecken ausschließlich auf der Leinwand ab. Wir erleben, wie Taner Sahintürk als Can Özturk mit Cowbuyhut und Designer-Sonnenbrille durch eine sommerlich-idyllische Stadt schlendert. Von der klebrigen, stinkenden Hitze am Kotti, die den Kinofilm „Kokon“ als Kulisse prägte, ist im Videomaterial für „Berlin Oranienplatz“ wenig zu spüren. Obwohl Film und Stück im selben Kiez spielen, ist Kreuzberg 36 kaum wieder erkennbar. Die Hauptfigur fährt oder schlendert durch austauschbar wirkende Orte. Begleitet vom Jazz, den eine vierköpfige Band (Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Lizzy Scharnofske, Natalie Plöger) live auf der fast leeren Bühne unterhalb der Leinwand perlen lässt, wirken die Bilder manchmal fast wie ein Frühsommertag in Paris, Rom oder Mailand.

Im krassen Gegensatz zur Leichtigkeit dieser Atmosphäre steht jedoch die Schwermut von Can: Sein Betrug mit gefälschten Designer-Marken flog auf, morgen muss er für fünf Jahre in die JVA Tegel. Soll er sich nach Istanbul absetzen? Von der politischen Lage unter Erdogan hat er jedoch wenig Ahnung, wie in einem der zahlreichen kurzen Gespräche deutlich wird. Oder soll er sich stellen und die Haft antreten?

Ähnlich wie Monty Brogan (Edward Norton) in „25th Hour“ von Spike Lee trifft er am letzten Tag in Freiheit Familie und gute Bekannte: eine verdruckste Atmosphäre liegt über den Begegnungen, viel Ungesagtes, viel Distanz, Can bleibt meist hinter seiner Sonnenbrille verschanzt.

Selten gibt es kleine szenische Einsprengsel auf der Bühne, nur zögerlich erobern sich die Spieler*innen, die wir im vorproduzierten Filmmaterial auf der Leinwand erleben, auch den Bühnenraum. Recht hölzern und blutleer wirkt die Inszenierung deshalb über weite Strecken.

Der Abend geht schon auf die Zielgerade, als Can (Taner Sahintürk) endlich vorne an der Rampe zwei intensive Begegnungen machen darf, die ihn aus seiner Melancholie reißen und zur Entscheidung herausfordern: die Ukrainerin Jela (Anastasia Gubareva) flirtet mit ihm, lässt sich breitschlagen, eines seiner Fake-Kleider zu kaufen und schwelgt gemeinsam mit ihm in der Erinnerung an die märchenhaften Lieder in sowjetischen Produktionen für das TV-Kinderprogramm. Die nächste Frau, die er trifft, ist Zeynep (Sesede Terziyan), auch sie mit einer musikalischen Einlage als Amy Winehouse-Double. In diesen letzten Szenen löst sich der Abend langsam aus seinem Korsett und traut sich, etwas Theater zu spielen. Bis dahin blieb „Berlin Oranienplatz“ über weite Strecken die filmische Einsamkeitsstudie eines Mannes mit Live-Jazz-Begleitung.

So melancholisch wie der Grundton der Inszenierung ist auch die letzte Szene: es ist mittlerweile Nacht und Can ist vor dem Gefängnis angekommen. „Berlin Oranienplatz“ endet dort, wo Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ beginnt, von dem sich der Abend nur sehr frei inspirieren ließ.

Bild: Esra Rotthoff

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