Hexploitation

„Ich bin bereit zur Nahaufnahme“ tönt es leitmotivisch durch den Abend. So schonungslos exhibitionistisch haben wir das feministische Performance-Kollektiv „She She Pop“ noch nicht erlebt.

An diesem Premieren-Abend im HAU 2 spreizen Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Mieke Matzke und Berit Stumpf ihre Schenkel auf Untersuchungsliegen. In Großaufnahme werden Hautfalten und Schamlippen auf die Video-Leinwand projiziert und in schnoddrigem Ton gegenseitig kommentiert.

Um die 50 sind die Veteran*innen des postdramatischen Theaters mittlerweile. Auf den Stadttheater-Bühnen würden sie wohl kaum noch besetzt, sagt eine Performerin lakonisch, wenn sie sich nicht in der freien Szene und in Produktionshäusern wie HAU, Kampnagel, Mousonturm und Co. selbst ihren Arbeitsplatz geschaffen hätten.

Um ihre alternden Körper, um das Gefühl, nicht mehr begehrt, sondern „unsichtbar“ zu werden und den gravierenden Einschnitt der Menopause kreisen die Dialoge des Quartetts. In munterem Schlagabtausch geht es voran, bis die oder der nächste blank zieht und sich zur schonungslosen Nahaufnahme bereiterklärt.

Vieles an den Dialogen wirkt noch skizzenhaft und unfertig, wie eine Materialsammlung aus dem Zettelkasten. Thematisch wird sehr viel angerissen, manches kommt nicht über alberne Gags hinaus, z.B. wenn Sebastian Bark in seiner Hexenküche daran scheitert, eine Menstruationsblut-Suppe anzurühren.

Die vielfältigen Referenzen und Assoziationen, die der Abend oft scheinbar beiläufig ausstreut, hätten eine tiefere Auseinandersetzung verdient, als She She Pop sie in den knapp 75 Minuten leisten können. Zu beliebig und sprunghaft wirken die Erzählstränge.

Zwei große Motiv-Blöcke kristallisieren sich immerhin heraus:

Immer wieder spielt die Performance auf die großen Hollywood-Diven an. Schon in der ersten Szene geht es um Ingrid Bergman, die im Psychothriller „Gaslight“ manipuliert und in den psychischen Zusammenbruch getrieben wird. Mehrfach verweisen die Performer*innen auf den Psychothriller „Whatever happened to Baby Jane?“ an, in dem Bette Davis und Joan Crawford am Verwelken ihrer Schönheit leiden und sich in ein grausames Psychoterror-Spiel verstricken. Auch der „Sunset Boulevard“, auf dem Gloria Swanson in der Rolle der Norma Desmond von einem letzten großen Auftritt als Salome träumt, wird von She She Pop karikiert. In ihrem Finale schreiten zu sie zu „Will you still love me when I´m no longer young and beautiful?“ von Lana del Rey die Showtreppen herab.

Als zweiter großer Strang zieht sich die Auseinandersetzung mit Hexen durch den Abend. Sebastian Bark unterzieht seine Kolleginnen einem Verhör wie zu Zeiten der Inquisition, Mieke Matzke setzt immer wieder zu ausführlichen Exkursen quer durch die Kulturgeschichte an. Kurz werden zum Beispiel die „Sheela-na-Gig“ erwähnt, Steinreliefs drastischer Vulva-Darstellungen an irischen Kirchentüren. Aber ebenso schnell wie das Thema aufploppte, springt der Abend weiter: zu den nächsten Schnipseln über die Unterdrückung der Frau im Frühkapitalismus, zur nächsten Gag-Einlage rund um das Menstruationsblut oder zum nächsten Striptease in Großaufnahme. Inhaltlich bleibt diese sehr exhibitionistische, aber unfertig wirkende Motiv-Collage deshalb eindimensional, wie auch die Berliner Zeitung kritisierte.

Bild: Dorothea Tuch

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