Der Geizige

„Wir müssen ihn abgrundtief hässlich machen – wenn wir mal wieder Maske haben“, nahm sich Regisseur Leander Haußmann während der Zoom-Lockdown-Proben vor.

Es ist das Highlight dieses Theaterabends, wie er diese Ankündigung umgesetzt hat. Ifflandring-Preisträger Jens Harzer mimt einen alten, weißen Mann mit Überbiss, Buckel und großem Kaffeefleck auf dem schmuddligen Shirt. Vor seiner schmierigen Übergriffigkeit sind weder die Mitspielerinnen noch das Abo-Publikum aus Poppenbüttel sicher.

Wie der Hamburger Cousin von Horst Schlämmer, Hape Kerkelings legendärer Lokaljournalisten-Figur vom Grevenbroicher Tagblatt, wirkt dieser Harpagnon aus Molières Tragikomödie aus dem 17. Jahrhundert.

Die ersten zwei Stunden werden auf einer fast komplett leeren Bühne gespielt. Klapprige Bürostühle mit dem Glamour eines Gemeindesaals am Niederrhein sind die einzigen Requisiten, bis zum Finale eine märchenhafte Rokoko-Treppenkulisse aufgebaut wird, über die die Spieler*innen allzu slapstickhaft kugeln, purzeln und taumeln.

Bis dahin ist der Abend aber ein schöner Komödienspaß, der ganz klassisch auf die Komödien-Mechanik des französischen Altmeisters vertraut und das Wort und die Schauspielkunst in den Mittelpunkt rückt.

Um Horst Harzer alias Jens Schlämmer als Fixstern schwirren seine schüchternen Kinder, die kaum ein Wort herausbekommen (Toini Ruhnke und Steffen Siegmund), seine Bediensteten und Frosine (Marina Galic) als manipulative Strippenzieherin. Es ist ein Glücksfall für die Inszenierung, dass er und Galic auch privat ein Paar sind, so dass die beiden die Komik der Verführungskunst der Frosine und der treudoofen, auf jede Schmeichelei hereinfallenden Selbstverliebtheit des Harpagnon genüsslich und ohne Abstands-Regeln ausspielen können.

Die Inszenierung „Der Geizige“ ist zwar ästhetisch recht konventionelles Stadttheater und unangenehm verqualmt, aber durchaus unterhaltsam. Ein starkes Ensemble trägt den Abend, der vom Abo-Publikum mit viel Beifall bedacht wurde und eine sichere Bank fürs Repertoire ist. Überregional interessant macht die Inszenierung jedoch erst der Mut zur Hässlichkeit, mit dem sich Jens Harzer in seine Komödienrolle schmeißt.

Noch lustiger als das Geschehen auf der Bühne sind die im Programmheft abgedruckten kleinen Protokoll-Notizen von den Probearbeiten, in denen Leander Haußmann wie gewohnt zu ausufernden Monologen ansetzt, seine Lebensweisheiten und Sprüche abfeuert. Der Abend ist mit 2,5 pausenlosen Stunden schon fast zu lang, aber es wäre sicher amüsant, dieses Bonusmaterial der Proben-Einblicke vom Regisseur und seinen Spieler*innen auch live auf der Bühne vorgetragen zu bekommen: als Einführung oder als Zugabe.

Bilder: Armin Smailovic

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