Paradies

Großes haben sich Christopher Rüping und das Thalia Theater vorgenommen. Erstmals sollte Thomas Köcks „Paradies“-Trilogie „fluten/hungeen/spielen“ komplett aufgeführt werden.

Der Text zeichnet ein großes Globalisierungs-Panorama, schlägt den Bogen von der Ausbeutung chinesischer Arbeiter in einer norditalienischen Textilfabrik über eine Kriegsberichterstatterin in einem Hotel in Bagdad oder die aus Werner Herzogs/Klaus Kinskis Epos „Fitzcarraldo“ bekannte Vision, mitten im Amazonas-Regenwald ein Opernhaus zu bauen, bis zur Demenz eines alten Mannes in der niedersächsischen Tiefebene.

Eine achtstündige Mammut-Inszenierung, ein Theater-Fest wie „Dionysos Stadt“ hätte das „Paradies“ werden sollen, doch Corona ließ nur eine auf zwei Stunden eingedampfte Light-Version zu.

Sprödes und statisches Textaufsage-Theater ist das Publikum aus den vergangenen Wochen schon gewohnt. Dennoch ist der Auftakt von „Paradies“ besonders traurig: Maike Knirsch, die gerade vom Deutschen Theater Berlin ins Thalia-Ensemble wechselte, und Björn Meyer lesen lange Textpassagen von der großen Leinwand im Hintergrund ab und stehen dabei mit dem Rücken zum Publikum. Jede Tagesschau- oder heute-journal-Ausgabe, in der Judith Rakers oder Claus Kleber ebenfalls vom Teleprompter ablesen, dabei aber immerhin noch mokant die Augenbraue hochziehen oder mit einem süffisanten Lächeln einen Subtext transportieren, ist ein größerer performativer Genuss als diese Versuchsanordnung, die mit provozierender Überdeutlichkeit herausarbeitet, in welches Korsett die Corona-Regeln die künstlerische Arbeit einzwängen.

Nur langsam kommt der Abend ins Spielen. Mehr als eine szenische Lesung ist immerhin der Schlussteil, bei dem „Paradies“ aber weiteres Pech ereilte: Hans Löw sollte den Patriarchen spielen, der im Krankenhaus in seiner Demenz wegdämmert und wäre mit seinen leisen Tönen und seinem feinsinnigen Spiel dafür auch eine hervorragende Wahl, musste jedoch sehr kurz vor der Premiere krankheitsbedingt durch Günter Schaupp ersetzt werden.

Der zweistündige Abend ächzt unter der enormen Textmasse, die er sich vorgenommen hat. Die einzelnen Elemente stehen zu unverbunden nebeneinander. Wie ein Fremdkörper in dieser szenischen Lesung wirkt Lia Şahin, die mit ihren Beatboxing-, Hiphop- und Souleinlagen für willkommene Abwechslung zwischen den langen Textblöcken sorgt, die sich vor allem Knirsch und Meyer teilen, bei denen aber auch Abdoul Kader Traoré, der aus Castorfs „Faust“ bekannt ist, und Rüpings Stamm-Musiker Christoph Hart und Matze Pröllochs einige Passagen übernehmen. Wenn Şahin loslegt und ihre Aerosole derart ins Publikum schmettert, dass Karl Lauterbach einige Kilometer weiter auf seinem Stammplatz im Studio von Markus Lanz zusammenzuckt, wird eine Ahnung spürbar, wie der Abend ursprünglich konzipiert gewesen sein mag.

Da aber zu viele Fäden ins Leere laufen und kein Ganzes bilden, verhält es sich mit dieser „Paradies“-Inszenierung wie mit Platons „Höhlengleichnis“: wir sehen nur die blassen Schatten der Ideen.

Bilder: Krafft Angerer

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