Früchte des Zorns

Vorsichtig tastet sich diese Inszenierung, mit der Christopher Rüping im Herbst 2019 seinen Einstand als Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich gab, an die Roman-Vorlage heran. Sehr statisch, fast wie eine szenische Lesung, beginnt der Abend. Der spröde Nacherzählungs-Stil und die Loops, durch die mehrere Sätze geschickt werden, machen es seinem Publikum schwer, einen Zugang zu finden. Enttäuschung macht sich breit und es ist verständlich, dass Nachtkritik-Leserin „Eliza“ schon nach wenigen Minuten ausschaltete.

Erst nach einer Weile wird die Inszenierung spielerischer, ihr Markenzeichen ist aber die ironische Halbdistanz, in der sie verharrt. Der Roman „Die Früchte des Zorns“, den John Steinbeck 1938 über das Elend der Familie Joad schrieb, basierte auf journalistischen Recherchen über verarmte Kleinbauern und war ein flammender Appell für mehr soziale Gerechtigkeit und gegen zügellosen Kapitalismus. Was sagt uns dieser Stoff heute, einige Jahrzehnte später?

Christopher Rüping entscheidet sich für eine Revue aus kleinen Nummern, immer wieder unterbrochen von bekannten Popsongs aus den 1960er bis 1990er Jahren wie „California Dreaming“ oder „Go West“. Während die Joads (Maja Beckmann als Mutter, Nadège Kanku und Nils Kahnwald als ihre Kinder) in tristem Grau , mit steifen Bewegungen und hängenden Mundwinkeln vergeblich vom besseren Leben im vermeintlich goldenen Westen träumen, lärmen Kotoe Karasawa, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer und Steven Sowah als wohlstandsverwahrloste Luxuskinder in quietschbunten Kostümen und mit selbstbewussten Macker-Posen um sie herum.

Vor allem Benjamin Lillie mischt den Abend immer wieder auf, als Goldkettchen-Rapper kommt er nach der Pause auf die Bühne und fordert das Pfauen-Publikum dazu auf, im Mitmacher-Theater-Stil die Arme in seinem Rhythmus hochzureißen. Zwischen Kindergeburtstag, Ironie und tollen Gesangsnummern navigiert sich der Abend durch den Roman, kann dabei aber nicht überdecken, dass der rote Faden verloren ging oder nie erkennbar war, wie Valeria Heintges in ihrer Nachtkritik zurecht feststellte.

Spannend an diesem Livestream aus dem Zürcher Schauspielhaus, der mit russischen Untertiteln für das Baltic House International Festival in St. Petersburg gefilmt wurde und gestern Abend auch via Nachtkritik zu erleben war, ist vor allem, wie unterschiedlich die Corona-Regeln in Zürich und an den großen Häusern in Deutschland gehandhabt werden.

Christopher Rüping berichtete auf Twitter darüber, wie viel Körperkontakt und Nähe auf der Zürcher Bühne erlaubt ist und wie deutlich sich die Bedingungen in Hamburg oder Berlin unterscheiden.

Bilder: Zoe Aubry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.