Everywoman

Mit einem sehr leisen Abend startet die Schaubühne in diese von Corona und viel Ungewissheit überschattete Spielzeit. „Everywoman“ war ursprünglich als alternativ-kritischer Blick auf den Mythos um die „Jedermann“-Inszenierung geplant, die seit 100 Jahren im Sommer vor dem Salzburger Dom gezeigt wird. Ursina Lardi und Milo Rau waren gerade auf einer Recherche-Reise im Amazonas-Gebiet, als die Pandemie ihre Pläne über den Haufen warf und die Theater schließen mussten.

Lardi und Rau konzipierten ihr Projekt neu und konzentrierten sich nun auf den Kern des „Jedermann“-Stoffes: die Unausweichlichkeit des Todes, mit der wir alle konfrontiert sind. Die Herausforderung, in Würde loszulassen und das Sterben zu akzeptieren, meistert eine Frau vorbildlich, die Lardi und Rau während der Recherchen kennenlernten: Helga Bedau, 71, Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, Prognose: nur noch wenige Monate zu leben, keine Heilungschance.

In den Video-Einspielungen lernen wir eine gelassene, unprätentiöse Frau mit typischem Charlottenburger Lebenslauf kennen: Ende der 1960er Jahre aus dem Ruhrpott zugezogen, bei den 68er Protesten aktiv, als Lehrerin gearbeitet, mehrere Beziehungsmodelle ausprobiert, der erwachsene Sohn lebt in Griechenland.

Herzstück des 80 Minuten kurzen Abends sind die Dialoge, in denen Lardi live auf der Bühne mit den Videoaufnahmen der vom nahen Tod gezeichneten Bedau interagiert. Eingerahmt werden diese Sequenzen von einem langen Monolog des Schaubühnen-Stars, in dem Lardi assoziativ mäandert und neben dem Sterben vor allem thematisiert, was das Theater für sie ausmacht: die stillen, unaufgeregten Momente, der Augenblick zwischen dem letzten Satz und dem Applaus.

„Everywoman“ vermeidet das Pathos. Mit einfachen, klaren Sätzen sehen die beiden Protagonistinnen der Tatsache des Sterbens ins Auge. Erst gegen Ende balanciert der Abend am Kitsch, als Lardi sich ans Klavier setzt, einen Bach-Choral spielt und dazu Sprühregen von der Bühnendecke rieselt.

In seiner nachdenklich-düsteren Art passt die „Everywoman“-Performance sehr gut in diese Zeit, in der wir bangend in den Corona-Winter blicken, sich die Gesellschaft mental auf einen zweiten Lockdown vorbereitet und die Politik hilflos wie das Kaninchen vor der Schlange auf die Neuinfektionszahlen starrt.

Bilder: Armin Smailovic

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