TEATRO PISCATOR! Die 130-Jahre-Freie-Volksbühnen-Revue

Eigentlich hätte diese Jubiläums-Revue schon am 23. März stattfinden sollen: Genau 130 Jahre nach dem Aufruf zur Gründung einer „Freien Volksbühne“, den Bruno Wille im Berliner Volksblatt veröffentlichte und über den Ilse Ritter, eine Grande Dame der deutschsprachigen Bühnen, am Ende dieses langen Abends nachdenkt.

Bild: Johannes Jost

Damals, vor einem halben Jahr, brach die Corona-Pandemie herein und führte zur monatelangen Schliessung aller Bühnen. Das Virus haben wir – wie die steigenden Zahlen zeigen – noch längst nicht überstanden, aber die Theater durften unter strengen Hygiene-Vorschriften und mit stark reduziertem Platzangebot zur neuen Spielzeit wieder öffnen.

So durfte Kultursenator Klaus Lederer das Publikum doch noch zur Jubiläums-Revue begrüßen, es klappte gerade noch in dem kurzen Zeitfenster vor dem 2. November-Lockdown. Als Ort für die Revue wurde die eine der beiden Berliner Bühnen gewählt, deren Geschichte eng mit dem Verein Freie Volksbühne verzahnt ist: Am 30. Dezember 1914 wurde die Volksbühne am Bülowplatz (dem heutigen Rosa Luxemburg-Platz) eröffnet: Erwin Piscator prägte das Haus als Oberspielleiter während der Weimarer Republik mit seinem politischen Theater und dem Leitsatz „Die Kunst dem Volke“.

In Harlekin-Kostümen spielen Margarita Breitkreiz und Maximilian Brauer, die während der späten Castorf-Ära an der Volksbühne engagiert waren, eine szenische Collage aus alten Piscator-Stücken, die heute sehr fremd wirken und vor allem theaterhistorisch Interessierte ansprechen.

Nach seinem Exil wurde Piscator ab 1962 Intendant der 1947 wieder gegründeten Freien Volksbühne, die im Bornemann-Neubau in der Wilmersdorfer Schaperstraße, dem heutigen Haus der Berliner Festspiele, ihre neue Heimat fand. Die Eröffungsrede des damaligen Regierenden Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt wird in dieser Revue ebenfalls eingespielt.

Nach dem „Ein Kessel Buntes“-Prinzip wirft die Jubiläumsrevue, bei der Christian Filips Regie führte, einige Schlaglichter auf die stolze Tradition der Volksbühnenbewegung, die seit 2017 unter dem neuen Markennamen „Kulturvolk“ als sehr umtriebige Publikums- und Besucherorganisation das Berliner Kulturleben bereichert. Hier ist für fast jeden etwas geboten: von der Ouvertüre mit jungen Turnern, die Erinnerungen an René Polleschs „Kill your darlings“ hervorrufen. bis zum lautstarken Auftritt der Punkband Nobelschrott.

Neben den beiden Harlekinen sind Hubert Wild und junge Männer vom Staats- und Domchor die wichtigsten Konstanten in dem bunten, mit mehr als zwei Stunden etwas zu langen Reigen. Mal erinnert sich Ilja Richter daran, wie er als 16jähriger für eine Nebenrolle an der Freien Volksbühne gecastet wurde und wie er Jahre später als bekannter Entertainer bei einer Revue ausgebuht und von den Feuilletons niedergeschrieben wurde. Mal berichtet der ehemalige Intendant Hansjörg Utzerath in einem eingespielten Video über prägende Inszenierungen und Künstler.

Vor allem für Nicht-Insider ist diese Revue jedoch zu sprunghaft gestaltet, wandert in kleinen Schnipseln durch die Jahrzehnte, reiht Nummer an Nummer.

Bild: Charlotte Lioba Fuchs

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