Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden

Warum läuft Katja Riemann Amok? Und was verschlug die prominente Schauspielerin, die gefühlt mindestens in jeder zweiten, oft recht seichten Beziehungskomödie der 1990er Jahre mitspielte, überhaupt ans postmigrantische, politisch engagierte Gorki Theater? Auf den Theaterbühnen erlebten wir sie zuletzt vor einem Jahrzehnt im Edelboulevard am Kudamm. Nun prangt ihr prominentes Konterfei auf den Plakaten des Gorki Theaters: mit entschlossenem Blick fixiert sie den Betrachter, jederzeit bereit, den Flammenwerfer einzusetzen, den sie mit beiden Händen umklammert hält. Sie wirkt wie die ältere Schwester der „Ema“ aus Pablo Larraíns aktuellem Kinofilm.

Die Wut auf die Verwertungslogik im Neoliberalismus und die Empörung darüber, dass sie als älter werdende Frau langsam unsichtbar wird, nachdem sie von den Männern nicht mehr als Sexobjekt gesehen wird, treibt Katja Riemanns Figur um.

So geschmacklos-hässlich zurechtgemacht ist sie kaum wiederzuerkennen: Kostümbildnerin Ursula Leuenberger hat den Chor der vier Frauen, die ihre Wut herausschreien, in einen Einheitslook aus klobigen Brillen, strähnigen Frisuren, billigen Krankenhaus-Bademänteln und alptraumhaften Leoparden-Muster-Overalls gesteckt. Die auf vier Spielerinnen aufgesplittete Frau hat zu einem letzten, vergeblichen Racheakt angesetzt: mit einem Bomben-Attentat wollte sie das verhasste System treffen.

Wie üblich bei Sibylle Berg funkelt der Text voller scharfzüngiger Bemerkungen und luzider Beobachtungen. Die Figur aus „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ ist die gealterte Version der girliehaft aufstampfenden jungen Frauen, die zu Beginn von Shermin Langhoffs Intendanz im Jahr 2013 mit „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ die Bühne des kleinsten Berliner Staatstheaters enterten und mehrere Preise abräumten.

Unter die jugendliche Wut haben sich zum Abschluss von Sibylle Bergs Gorki-Tetralogie Verzweiflung und Verbitterung gemischt. Die wutschnaubenden, stampfenden Choreographien, die Tabea Martin damals mit Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas einstudierte, sind einem Rollator-Ballett von Katja Riemann und den drei Gorki-Ensemble-Spielerinnen Anastasia Gubareva, Svenja Liesau und Vidina Popov gewichen.

Erstaunlich ist, wie nahtlos sich Riemann in Sebastian Nüblings chorisches Regie-Konzept und den Sibylle Berg-Sound einfügt. Der weibliche Stargast, der oft als schwierig und zickig beschrieben wird, stellt sich ganz in den Dienst der Sache. Auch in ihren Solo-Nummern, die sie wie jede aus dem Quartett bekommt, schleicht sich nie das Gefühl ein, dass sie sich allein ins Rampenlicht spielen möchte, sondern immer das Team-Play des Abends im Blick hat.

Stärker als Riemanns Soli bricht Svenja Liesaus Auftritt als Betrunkene die Struktur des Abends auf. Ihre zum Teil improvisierte Show und ihre Wortgefechte mit der Souffleuse, der sie mit Rauswurf droht, sind eine Spur zu exaltiert und selbstgefällig. Ihr komisches Talent ist seit ihrem „Hamlet“-Auftritt kurz vor dem Lockdown im Gorki-Container bekannt, wird aber von Regiesseur und Spielerin an diesem Berg-Abend etwas zu demonstrativ ausgestellt.

Bild: Esra Rotthoff

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