Der Zauberberg

Kreidebleiche Zombies in Bodysuits, die Adriana Braga Peretzki entworfen hat, entern in einer tollen Choreographie die Bühne, hinter und über sich haben sie Tilo Baumgärtels Video-Projektion einer Alpenkulisse: ein bildstarker Auftakt für die „Zauberberg“ 2.0-Inszenierung von Sebastian Hartmann – ein Jahrzehnt nach der fünfstündigen Tour de force (polarisierendes Kochshow-Spektakel inklusive) im Leipziger Centraltheater.

Die Chronisten berichten, dass der Abend damals als Klamotte begann, als kalauernde Farce. Angenehm hebt sich davon der lange Monolog ab, mit dem Linda Pöppel über die Zeit, die Vergänglichkeit und die Relativitätstheorie reflektiert. Langsam tastet sich der Abend an Thomas Mann und seine Romanfiguren heran: Markwart Müller-Elmau erzählt in seiner ersten Szene vom langsamen Dahinsiechen und seufzt Hans Castorps „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, während die Kamera in Großaufnahme auf sein Gesicht zoomt und bevor sich Elias Arens im Staccato die Verwirrung von Castorps Schneetraum hineinwirft.

In kurzen, assoziativen Szenen arbeiten sich Sebastian Hartmann und der für die Livestream-Bildregie zuständige Jan Speckenbach in punktgenau zwei Stunden durch einen Abend, der zum einen viel „Hartmann pur“ bietet: Die Nebelmaschine läuft auf Hochtouren, in einem Overkill prasseln die Textfragmente und Soli auf das Publikum ein. Toll, wenn er dafür so Druckkessel-Hochleistungsspieler wie Niklas Wetzel zur Verfügung hat, der in einer Schlüsselszene des Abends von zwei Seiten mit dem Elektroschocks bearbeitet wird, verzweifelt „Ich muss sterben“ brüllt oder später in einem Solo an der Rampe vor dem – bis auf die Techniker*innen – leeren Saal roboterhaft zuckt. Wie bei Hartmann gewohnt sind allerdings zwischen all den überschießenden Assoziationen und dem Verwirrspiel mit den Textfetzen auch recht öde Passagen durchzustehen.

Bild: Arno Declair

Doch der „Zauberberg“-Live-Stream bleibt zum Glück nicht beim „Hartmann as usual“ stehen, dicke Roman-Wälzer zu durchpflügen und das Publikum mit Assoziationsgewittern zu beballern. Das wäre er vermutlich gewesen, wenn die Premiere ohne Corona heute ganz analog im Saal des DT stattgefunden hätte. Das Interessante an diesem Live-Stream-Abend aus dem Theater ist, dass er mehr und mehr zum Film wird, sich an Überschneidungen und Überbelichtungen berauscht, fröhlich mit filmischen Mitteln experimentiert und seinen Gimmicks spielt. Diese Lust am Ausprobieren macht neben den starken Spieler*innen den Reiz dieser Online-Premiere aus.

Video-Animation: Tilo Baumgärtel

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