King Lear

Eine unverkennbare Johan Simons-Inszenierung ist diese „King Lear“-Tragödie, die der Bochumer Intendant zur Spielzeiteröffnung im September 2020 auf die Bühne brachte und die heute Abend als Live-Stream aus dem Geister-Theater gesendet wurde.

Typisch für die Arbeiten von Simons ist, dass er den Text in den Mittelpunkt stellt: Miroslava Svolikova, die in Wien bereits am Schauspielhaus und Burgtheater für Furore sorgte, schrieb eine Neu-Übersetzung des Shakespeare-Klassikers, die zwar die Sprache behutsam aktualisiert, an vielen Stellen aber auch die Patina der Vorlage durchschimmern lässt. Wie von Simons gewohnt entschlackt er die Tragödienhandlung und entschleunigt das Spiel seines Ensembles, das auf einer fast komplett leeren Bühne von Johannes Schütz agiert. Rechts türmt sich ein Erdhügel auf, an dem der greise Narr Lear die Teilung des Reiches wie an einem Sandkastenmodell durchexerziert und in dem später viele der zahlreichen Leichen dieses Stücks versinken. Im Hintergrund ist die Kaffeeküche eines Büros zu erahnen, das im 60er Jahre-Stil eingerichtet ist.

Protestantisch-karg soll im Konzept von Simons und seinen Dramaturg*innen Koen Tachelet und Angela Obst möglichst wenig von den Dialogen ablenken, die allerdings leider zum Teil von Hängern in der Stream-Übertragung verschluckt und zerstückelt wurden. Sehr streng wirkt diese Versuchsanordnung, in der alle Spieler*innen mit großem Abstand agieren: das ist einerseits natürlich den aktuellen Corona-Regeln geschuldet, aber auch ein bewusst eingesetztes Stilmittel, um die Verlorenheit und Verzweiflung der Shakespeare-Figuren zu unterstreichen.

An diesem Tragödien-Abend gibt es nur Verlierer: den greisen König (Pierre Bokma), der sich täuschen lässt, den Halt verliert und in geistige Umnachtung fällt, aber auch die intriganten Strippenzieher*innen, seine Töchter Goneril und Regan (Mourad Baaiz und Michael Lippold) und der uneheliche Sohn Edmund (Patrick Berg). Am Ende liegen alle tot am Boden, Cordelia (Anna Drexler) arrangiert sie.

Dieser „King Lear“ ist in seiner verkopften Formstrenge und wortlastigen Askese mehr Arbeit als Genuss. Interessant ist diese Neuinszenierung vor allem als Kontrast zur „Lear“-Version, die Stefan Pucher und Thomas Melle genau ein Jahr zuvor an den Münchner Kammerspielen, einer früheren Wirkungsstätte von Simons, realisierten. Lears Töchter wurden dort zu wütenden Girlies, die in sehr heutiger Sprache mit dem Patriarchat abrechneten und durch einen poppig-bunten Abend führten.

Dementsprechend war die Bochumer „King Lear“-Inszenierung zwar in der Diskussion für das Theatertreffen 2021, schaffte es aber nicht in die 10er-Auswahl.

Bilder: JU Bochum

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