Drei Schwestern

Keine leidet so schön wie sie. Keine lässt sich so schwermütig in die Kissen fallen. Keine seufzt so innig in ihrem Weltschmerz. Keine heult so herzzerreißend über den Verlust ihres Liebhabers, der mit seinem Regiment versetzt wird: zu Ehren von Jutta Lampe holte die Schaubühne am Lehniner Platz noch einmal einen ihrer Schätze aus dem Archiv.

Fünfzehn Jahre lang hatten Peter Stein und sein Ensemble die deutschsprachige Theater-Szene geprägt, mit Mammut-Inszenierungen und Klassiker-Hochämtern Erfolge gefeiert und die Schaubühne am Halleschen Ufer, später am Lehniner Platz zu einer Pilgerstätte der Fangemeinde gemacht.

Im Februar 1984, als sich diese Ära langsam ihrem Ende entgegen neigte, inszenierte Peter Stein Tschechows „Drei Schwestern“-Elegie über Figuren in der russischen Provinz, die vom Aufbruch „Nach Moskau!“ träumen und doch in ihren Alltags-Routinen und ihrer Lethargie steckenbleiben. Quer über alle Säle erstreckte sich damals Karl-Ernst Hermanns Bretband-Bühnenbild des Salons.

Im selben Jahr wurde die Inszenierung zum Theatertreffen eingeladen, 1986 realisierte Regina Ziegler in bewährter Zusammenarbeit mit der Schaubühne einen zweiteiligen Theater-Film für das ZDF, der in epischer Länge von fast 3,5 Stunden den Müßiggang der Figuren zelebriert und die Inszenierung für die Nachwelt erhalten hat.

Edith Clevers Olga ist die ganze Last anzumerken, wie sehr sie unter der Monotonie und den Kopfschmerzen als Lehrerin am Gymnasium leidet. Jeder Satz ächzt unter bleierner Schwere. Gegenpol ist Corinna Kirchhoff in ihrer ersten großen Theaterrolle als Irina. Sie schwelgt in kindlich-naiver Begeisterung, malt sich aus, wie es denn sein wird, wenn sie endlich, endlich wieder in Moskau leben werden!

Minutenlang wirkt es, als sei sie gar nicht mehr da. Mascha scheint auf ihrer Couch oder in ihrer Ecke längst weggedämmert zu sein. Doch dann fährt sie wieder dazwischen. „Ihre Mascha war genervt und zickig, trug ihre elegante, schnippische Langeweile als eine Maske, hinter der sich eine ungeheure, gefährliche Lust am Zuschlagen verbarg“, schrieb Lothar Müller in seinem Nachruf für die Süddeutsche Zeitung.

Vor allem in den ersten zwei Stunden zelebrieren Stein und seine Spieler*innen die Langsamkeit. Eine Geschichtsstunde ist dieser Stream aus dem Archiv, der eine vergangene Theaterwelt zeigt. Das „schwebende Parlando“ des Schaubühnen-Tons, von dem Benjamin Henrichs in seiner ZEIT-Hymne zur Premiere 1984 schwärmte, ist museale Vergangenheit. Regisseur Peter Stein und seine langjährige Lebensgefährtin Jutta Lampe litten darunter, dass in einer rasant veränderten Theater-Landschaft für sie und ihren realistisch, psychologisch präzise gearbeiteten Stil kein Platz mehr zu sein schien.

Bild: Ruth Walz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.