Gute Manieren

Dieser ungewöhnliche Hybrid aus lesbischem Sozialdrama und Fantasy-Schauer-Märchen sorgte 2017 im Wettbewerb von Locarno für Aufsehen und gewann den Goldenen Spezial-Preis der Jury. Wer „Gute Manieren/As boas maneiras“ beim Filmfest München 2018 oder beim Kinostart während der Tropenhitze im Juli 2018 verpasst hat, kann diesen sehenswerten Arthaus-Film derzeit in der arte-Mediathek nachholen.

Recht konventionell beginnt dieses Drama des brasilianischen Regie-Duos Marco Dutra/Juliana Rojas: Schroffe Klassengegensätze prallen aufeinander. Clara (Isabél Zuaa) ist schwarz, hat in der unteren Mittelschicht ständig damit zu kämpfen, am Ende des Monats noch genug Geld zu haben, um die Miete bezahlen zu können, und hat keine Ausbildung. Aber ihre mit beiden Beinen im Leben stehende, zupackende Art gefällt Ana (Marjorie Estiano), die hochschwanger allein in einer Luxuswohnung in Sao Paulo lebt und von Beruf Tochter ist. Lebensuntüchtig wie sie ist, sucht sie eine Haushaltshilfe, die ihr alle Alltagslasten wie Putzen, Aufräumen, Einkaufen und Kochen abnimmt und sich demnächst auch 24/7 um das Baby kümmert, während sie als Glamour-Girl weiter in den Tag hineinlebt.

In den kommenden Monaten kommen sich die Dienstherrin und ihre Angestellte trotz aller Gegensätze näher. Zögernd lässt sich Clara auf die lesbische Romanze ein. Charakteristisch ist, dass sie ihre Chefin und Partnerin in vielen Szenen aus der Distanz taxiert: skeptisch, sorgenvoll, aber auch fürsorglich. Für diese Sorgen gibt es auch gute Gründe: in Vollmondnächten wird Ana zur Schlafwandlerin, die einen Heißhunger auf Fleisch entwickelt, einer Katze am U-Bahnhof genüsslich den Kopf abbeißt und das Tier vor Claras Augen verschlingt, sich am nächsten Morgen aber an nichts erinnern kann.

Das Baby, das zur Mitte des Films wie das Alien aus Anas Bauch herausbricht, ist ein Werwolf. Nach einem harten Schnitt setzt die Handlung wieder an, als João bereits sieben Jahre alt ist: nach außen hin ist er ein gewöhnlicher Junge, vielleicht etwas überbehütet und kränklich. Clara nahm ihn nach Anas Tod als ihr Kind an und möchte den jungen Werwolf vor sich selbst schützen: Fleisch ist tabu, in der Pausenbrot-Dose bekommt er nur Broccoli mit auf den Schulweg, nachts wird er in schweren Ketten in einem „Zimmerchen“ festgebunden. Regelmäßig bäumt er sich in seinen Vollmondnacht-Anfällen darin auf, schlägt seine Zähne in das Metall und versucht sich zu befreien. Am nächsten Morgen muss ihm Clara die Werwolf-Haare rasieren, damit er wieder wie der nette, etwas schüchterne Junge von nebenan sieht.

In der letzten halben Stunde spitzt sich dieses Pflegemutter-Sohn-Drama zu, als João die überbehütete Situation satt hat und herausbekommt, dass Clara nicht seine leibliche Mutter ist. Eine Stärke des Films ist, dass Dutra/Rojas die Fantasy-Elemente ganz unaufgeregt und selbstverständlich in die sozialrealistischeren Erzählstränge einbauen, so dass ihr Film „also wie von selbst vom Nebensächlichen zum Schrecklichen (und dann vielleicht noch einmal in eine andere Richtung) führt“, wie Bert Rebhandl in der FAZ schrieb.

Bilder: Edition Salzgeber

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