The Digital Assembly

Mit Rechten reden: Welche Strategien sind erfolgversprechend, wenn man versuchen will, Menschen dazu zu bewegen, rassistische Vorurteile oder den Hass, der durch ihre Filterblasen wabert, in Frage zu stellen?

Über diese Frage grübeln Politiker*innen, Soziolog*innen, Journalist*innen seit Jahren. Der Riss, der durch unsere Gesellschaft geht, ist tief. Die liberale Mehrheitsgesellschaft ist ratlos, da die Minderheit aus AfD-Sympathisant*innen und Querdenker*innen immer lautstärker auftritt und sich in ihren Schützengräben verschanzt. Wie soll man diese Menschen erreichen? Konfrontatativ mit sachlichen Argumenten? Empathisch nach den Ängsten der „besorgten Bürger“ fragen? Ein überzeugendes Rezept wurde bisher nicht gefunden.

Vom Scheitern des Dialogs mit den Rechten erzählt auch der Abend „The Assembly“, den die Münchner Kammerspiele zu Beginn von Barbara Mundels Intendanz gemeinsam mit der frankokanadischen Gruppe Porte Parole produzierten und nun im zweiten Lockdown auch als „The Digital Assembly“ anbieten. Kurz bevor die Theater im März schließen mussten, luden die Schauspielerinnen Annette Paulmann und Wiebke Puls vier Münchner*innen zu einem Abendessen ein und plauderten mit ihnen über politische Themen. Die Zusammensetzung war heterogen: von der jungen Anarchistin Katja bis zur ehemaligen CSU-Kommunalpolitikerin Siegrid, die als Juristin im BAMF arbeitet, vom meinungsstarken Can bis zur zurückhaltenden Zuhal. Letztere landet schnell in einer Außenseiter-Rolle. Die Gruppendymanik richtete sich gegen sie.

Von der Rolle der Frau in der Gesellschaft bis zur Integration von Zuwanderern werden unter großem Zeitdruck viele Themen angeschnitten, aber letztlich doch nur Positionen abgefragt und Schlagwörter ausgetauscht. Eine echte Diskussion kommt nicht zustande. Das reale Abendessen vom März spielen Paulmann und Puls unter der Regie von Chris Abrahams und der Co-Regie von Verena Regensburger als Reenactment nach. Ensemble-Kolleg*innen schlüpfen in die Rollen der vier Münchner*innen: Bei Zeynep Bozbay schimmert viel vom jugendlichen Furor der jungen Anarchistin durch, Jelena Kuljić spielt glaubwürdig die Migrantin Zuhal, die tastend nach Worten und ihrem Platz in der Gesellschaft sucht. Die beiden anderen Rollen sind bewusst geschlechterverkehrt besetzt: Edmund Telgenkämper spricht die Sätze der Juristin mit CSU-Vergangenheit und Nancy Mensah-Offei spielt Can, der im Krankenhaus Rechts der Isar geboren ist und doch als „Türke“ abgestempelt wird.

Das Quartett haut sich die Schlagworte um die Ohren, während die beiden Moderatorinnen versuchen, die vorgegebenen Themen im starren Zeitschema abzuhaken. Nach dem ersten Beschnuppern bekommen die vier bunt zusammengewürfelten Münchner*innen die Aufgabe, dem 75jährigen Josef Schneider, der ebenfalls für dieses Format gecastet worden war, auf seine vom Band eingespielten Resentiments gegen Flüchtlinge und auf seine spitzen Bemerkungen gegen Fridays for Future zu antworten. Gemeinsam sollen sie einen Brief verfassen. Auch diese Diskussion wurde im März mitprotokolliert und nun vom Kammerspiele-Ensemble nachgesprochen. Absehbar können sich die vier Diskutant*innen nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Ungelenke Formulierungen und Floskeln werden aneinandergereiht. Es kommt, wie es kommen muss: Schneider überfliegt den Brief und tut ihn als irrelevant ab, als Paulmann und Puls ihn im September, einen Monat vor der Premiere, noch einmal ins Theater zu einem Wiedersehen eingeladen haben. Der Versuch, mit dem Rechten zu reden, landete in der Sackgasse.

Doch vor dieser Auflösung gibt es einen kurzen Mittelteil: Das Publikum wird mit an den Tisch gebeten und soll über das Re-Enactment diskutieren. Bei den wenigen Vorstellungen im Oktober vor dem 2. Lockdown im Werkraum der Kammerspiele, durften sie ganz analog auf der Bühne Platz nehmen, jetzt bei der „Digital Assembly“ geht das natürlich nur via Zoom.

Der spannendste Moment des Abends, der über sprödes Doku-Reenactment nicht hinauskommt, ist aber nicht die Interaktion mit dem Publikum, sondern der Schluss-Dialog: Paulmann und Pauls versuchen, sich in Schneider hineinzudenken, und zählen in einem heiteren Ping-Pong all die Gründe auf, die zum Scheitern der Kommunikation führten. Für ihn waren die beiden immer nur privilegierte Schauspielerinnen, die sich in ihrer Künstler-Blase im Stil von Pippi Langstrumpf die Welt so machen, wie sie ihnen gefällt, und seine Mansplaining-Welterklär-Monologe einfach an sich abprallen lassen. Beide Lager blieben in ihrer Welt und scheiterten daran, miteinander zu reden.

Bild: Tanja Kernweiss

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