Einfach das Ende der Welt

Als rappender Videokünstler kommt Benjamin Lillie nach 12 Jahren zurück in sein Elternhaus. Todkrank macht er sich auf den Weg von seinem Hipster-Milieu in der Großstadt in die Provinz, um sich mit seiner Familie zu versöhnen und Abschied zu nehmen.

Wie ein Ethnologe nimmt er mit seiner Handkamera jedes winzige Detail ins Visier, das Jonathan Mertz in liebevoller Akribie auf der Schiffbau-Bühne eingerichtet hat. Benjamin surft mit einer Mischung aus Nostalgie und Befremden durch die Überbleibsel einer wohlbehüteten Kindheit und Jugend in den 1990er Jahren: an jeder VHS-Kassette und jedem Nutellaglas bleibt sein Blick kleben und ruft Erinnerungen an die versunkene Welt.

Harter Schnitt nach knapp 30 Minuten: die Bühnenarbeiter des Schauspielhaus Zürich rücken an und packen die Wohlfühl-Requisiten zurück in den Fundus. In der einschüchternd-riesigen Schiffbauhalle steht Benjamin allein und verloren. Die Begrüßung fällt unterkühlt aus, die Familie ist unbeholfen und weiß nicht, wie sie auf die unverhoffte Rückkehr des verlorenen Sohns reagieren soll: Ulrike Krumbiegel ist ganz aufgekratzt und klammert sich an ihrer Sektflasche fest, ist dabei aber nicht ganz so überdreht wie Nathalie Baye in Xavier Dolans Verfilmung dieses Stücks von 2016. Wiebke Mollenhauer spielt mit mädchenhafter Fragilität die kleine Schwester, die ihren großen Künstler-Bruder aus der Ferne anhimmelte und nun überfordert ist, ihre Projektion mit der realen Begegnung abzugleichen. Bodenständig und herb agiert Maja Beckmann, die Schwägerin, die in die Familie erst nach dem Wegzug des Sohns eingeheiratet hat, taxiert den Besuch aus der Hauptstadt wie eine Außenstehende von der Seitenlinie, als würde sie gar nicht richtig dazugehören.

„Einfach das Ende der Welt“ von Jean-Luc Lagarce, das in Frankreich längst Schullektüre ist, in Deutschland aber kaum gespielt wird und erst durch die Dolan-Verfilmung etwas bekannter wurde, erzählt aber vor allem von der Konfrontation zwischen dem sterbenden Künstler-Sohn und seinem Bruder, der in der Provinz blieb und als Handwerker arbeitet. Mit einem schroffen „Tach“ lässt Nils Kahnwald Benjamin Lillie auflaufen. Kein Wort mehr als nötig, aggressiv-lauernd, auf Distanz bedacht, gibt er seinem Bruder keine Chance auf Versöhnung.

Auf die Eskalation zwischen diesen beiden steuert der Abend hin. Kahnwald hat viel von der bedrohlichen Aggressivität eines Vincent Cassel, der diese Rolle in der Dolan-Verfilmung hatte. Lillie wirkt aber deutlich agiler als der ätherisch-trauerumflorte Gaspard Ulliel, der bei jedem Blick spürbar werden ließ, dass hier ein Todkranker Abschied nimmt.

Es ist der Höhepunkt des Abends, als die beiden Brüder aneinander geraten und Kahnwald Lillie barsch zurückstößt und ihm die Umarmung verweigert. Nur noch schemenhaft tanzend sind die Figuren anschließend auf der Bühne wahrzunehmen, die ganz in Blutrot getaucht ist.

Viel Lob bekam diese Inszenierung, als sie Anfang Dezember vor nur 50 Zuschauer*innen im Schiffbau Premiere hatte, während die Theater in Deutschland schon längst im zweiten Corona-Lockdown geschlossen waren. Mittlerweile herrschen auch in der Schweiz strengere Regeln: die Skipisten sind zwar weiter geöffnet, aber die Theater mussten auch dort vor wenigen Tagen schließen. Deshalb konnte „Einfach die Ende der Welt“ am 17. Dezember nur als Geister-Live-Stream aus dem leeren Haus gezeigt werden.

Christopher Rüping entschied sich dafür, auf das technische Equipment des Schauspielhauses Zürich zu verzichten und setzte fast ausschließlich eine Handkamera ein. Die wackligen Bilder geben der Inszenierung etwas Fahriges. Hektisch schwenkt die Kamera zwischen den Familienmitgliedern hin und her und geht dabei oft genug ins Leere. Die bewusste Entscheidung, die digitalen Möglichkeiten nicht zu nutzen und stattdessen den Urlaubs- und Heim-Video-Stil der 90er Jahre zu kopieren, macht das Zusehen anstrengend. Der Low-Budget-Charakter der Wackelbilder passt zwar zu manchen Szenen mit dem grobschlächtigen, aggressiven Bruder. Aber die Ausschließlichkeit, mit der dieses Mittel hier über den gesamten Abend eingesetzt wird, tut der Inszenierung nicht gut. Es ist ermüdend und quälend, den unfokussierten Bildern zu folgen.

Live im Schiffbau mag „Einfach das Ende der Welt“ wesentlich wirkungsvoller sein, die Jury hat sich entschieden, die Inszenierung zum Theatertreffen 2021 einzuladen.

Bilder: Diana Pfammatter

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