Woyzeck Interrupted

Als psychisch zerrüttetes, nacktes Opfer, von autoritären, toxischen Figuren wie dem Hauptmann und dem Doktor in die Enge getrieben, wird Franz Woyzeck oft auf den Bühnen dargestellt. Um einen Perspektivwechsel geht es dem iranischen Autor*innen-Duo Mahin Sadri und Amri Reza Koohestani in ihrer Stückentwicklung, die sie für das Deutsche Theater Berlin erarbeiteten: die zerrüttete Beziehung von Woyzeck zu seiner Marie und der Mord an seiner Freundin stehen im Mittelpunkt dieses Abends, der heute seine Online-Premiere hatte. Die Nebenfiguren haben Sadri/Koohestani konsequenterweise gestrichen.

Erstaunlich viel O-Ton aus Büchners Fragment blieb in dieser „Woyzeck Interrupted“-Fassung erhalten. Das „Best of“ der berühmtesten Zitate über den „hirnwütigen“ Franz, der jeden Halt verliert, ist auch in dieser Fassung zu hören. Diese Original-Passagen sind eingebettet in eine radikale Fortschreibung des Büchner-Texts: Franz und Marie sind ein Paar in unserer Gegenwart. Sie haben sich bei den Proben kennengelernt: er ein berühmter Schauspieler, sie eine junge Hospitantin. Nach den ersten Schmetterlingen im Bauch hat sie das Kind abgetrieben, die Beziehung ist in die Brüche gegangen. Doch da wir mitten im Lockdown sind, können sie sich nicht so einfach trennen.

Madri/Koohestani erzählen in den 90 Minuten vor allem, wie dieses Paar, das längst keines mehr ist, aber doch noch auf engstem Raum zusammen wohnt, miteinander ringt: Sie will ausziehen, er schlägt eine Paartherapie via Zoom vor, die er jedoch torpediert. Schnell wird klar, worum es ihm vor allem geht: die Kontrolle über sie zu behalten.

Die Konflikte werden in heutiger Sprache ausgetragen, in die immer wieder die Original-Passagen eingebaut sind. Anders als bei Simon Stone, der es zu seinem Markenzeichen gemacht hat, klassische Stoffe zu übermalen und in die Gegenwart zu transferieren, wird „Woyzeck Interrupted“ aber nie soap-artig und platt. Der Abend ist ein betont düsteres Kammerspiel, oft agieren die beiden Spieler*innen Lorena Handschin und Enno Trebs im Halbschatten. Ihre Dialoge sind eine Abfolge kleiner Miniaturen. Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“, die ebenfalls vom Scheitern einer Beziehung erzählen, sind dieser „Woyzeck“-Aktualisierung näher als die populären Arbeiten von Stone.

Als Off-Kommentar werden zwischen den Szenen regelmäßig kurze, prägnante Schilderungen von Morden eingespielt, bei denen Männer aus Eifersucht oder einem Unterlegenheitsgefühl ihre Partnerinnen erdrosselten oder erstachen.

Für diese Woyzeck-Übermalung, die Madri und Koohestani im Austausch zwischen Teheran und Berlin konzipierten, entwickelten Philipp Hohenwarter und Benjamin Krieg zahlreiche Video-Experimente, die im Premieren-Stream, den sie mit Guillaume Cailleau (Bildregie/Schnitt) nach einem Proben-Mitschnitt entwickelten, allerdings etwas zu viel Raum einnehmen. All die Lichteffekte, Überblendungen und Muskelspiele der Videotechnik drohen etwas Überhand zu nehmen und lenken unnötig von den starken Darsteller*innen Handschin und Trebs ab, die noch recht neu im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin sind. Deswegen darf man gespannt sein, wie die analoge Premiere irgendwann nach dem Lockdown in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin aussehen wird.

Bilder: Arno Declair

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