Soul

Eigentlich sollte der neue Pixar-Film mit allem Glamour in Cannes im Mai 2020 präsentiert werden und anschließend weltweit die Kinokassen klingeln lassen. Wegen der Corona-Pandemie kann man „Soul“ stattdessen seit Weihnachten nur als Couch-Kino auf der Plattform Disney+ streamen.

Die Feuilletons überschlugen sich in ihrer Begeisterung: Daniel Kothenschulte bejubelte in der Frankfurter Rundschau „Soul“ als Favoriten für die erste Goldene Palme für einen Animationsfilm, wenn Cannes nicht ausgefallen wäre. Tobias Kniebe progonstizierte in der Süddeutschen Zeitung, dass „Soul“ das Zeug zu einem Weihnachts-Klassiker wie „Ist das Leben nicht schön?“ hat.

All die Lorbeeren und Lobeshymnen sind sehr hochgegriffen, aber „Soul“ ist tatsächlich ein hübscher und – wie von Pixar nicht anders zu erwarten – natürlich handwerklich perfekter Gute-Laune-Film, der leichtfüßig philosophische Fragen streift. „Soul“ ist vor allem eine Liebeserklärung: eine Liebeserklärung an den Jazz und an das Leben, ein Plädoyer für mehr Lebensfreude. Das ist die Lektion, die die beiden Hauptfiguren auf ihrer gemeinsamen Reise lernen.

Joe Gardner (im Original gesprochen von: Jamie Foxx) schlägt sich als freiberuflicher Musiklehrer mit furchtbar unbegabten Schüler*innen herum und muss sich ständig von seiner dominanten Mutter Libba (in der deutschen Synchronfassung wunderbar kratzbürstig: Marianne Groß, die ansonsten vor allem Anjelica Huston ihre Stimme leiht) Vorhaltungen machen lassen. Gerade als der ersehnte Traum von der Karriere als Jazzmusiker zum Greifen nah ist, stirbt Joe: Gedankenverloren wird er im New Yorker Straßenverkehr überfahren. Er findet sich plötzlich auf einer langen Rollbahn ins Jenseits wieder. Da er um keinen Preis sterben, sondern endlich seinen Traum leben will, wühlt er sich durch das Getümmel und schleicht sich in eine Zwischenwelt. Dort werden Seelen von Mentor*innen auf ihre Reise zur Erde vorbereitet. An einer besonders widerspenstigen und altklugen Seele, Nummer „22“, hat sich jedoch bereits ein Who is Who der Kultur- und Geistesgrößen der Weltgeschichte die Zähne ausgebissen: „22“ (im Original gesprochen von: Tina Fey) hat einfach keine Lust aufs Leben und möchte lieber in dem merkwürdigen Zwischenreich bleiben.

„Soul“ begleitet das Duo auf ihrem gemeinsamen Weg voller Verwicklungen und abenteuerlicher Begegnungen mit einer Therapie-Katze, esoterischen Hippies und der Rush-Hour in der New Yorker Subway. Stets haben sie dabei den ebenso pedantischen wie cholerischen Terry in ihrem Nacken, der darüber wacht, dass alles seine Ordnung hat, und der über alle Neugeborenen und Toten genau Buch führt. In der Synchronfassung gibt es hier eine schöne Wiederbegegnung mit Daniel Zillmann, der die letzten Jahre von Frank Castorfs Volksbühnen-Ära mitprägte.

Pete Docter, das Pixar-Mastermind, und seinem afroamerikanischen Co-Regisseur und Drehbuchautor Kemp Powers gelang eine charmante Animationsfilm-Komödie für Kinder und Erwachsene. Im Februar 2021 wurde „Soul“ mit zwei Golden Globes ausgezeichnet: für die beste Filmmusik und als bester Animationsfilm. Im April folgten zwei verdiente Oscars in den selben Kategorien.

Bilder: ©2020 Disney/Pixar

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