Hausen

Im Sommer vor Corona drehte Thomas Stuber im ehemaligen Regierungskrankenhaus in Berlin-Buch, in dem sich die SED-Parteikader und die DDR-Nomenklatura behandeln ließen, eine dystopische, achtteilige Serie: Komplett heruntergekommen ist der Plattenbau, in dem die Alt-Mieter hausen. Sie haben sich in ihre Wohnungen verkrochen, ihre Kontakte auf ein Minimum reduziert und vegetieren in ihren tristen, heruntergewohnten Buden vor dem Röhrenfernseher neben dem Wählscheibentelefon.

Wenn sie doch mal einen Fuß vor die Tür setzen, drohen ihnen Begegnungen mit einem Kampfhund oder der mit faschistoiden Sprüchen auftrumpfenden Bürgerwehr. Aus allen Rohren und Wänden tropft es, aus den Fugen wabert schwarzer, ekliger Glibber-Schlimm. Nur zwei Lichtblicke gibt es, die das Elend der Bewohner*innen erträglich machen: eine Jugendgang dealt mit einer Droge, die per Klopfzeichen über das Lüftungssystem bestellt werden kann, und der resolute neue Hausmeister Jaschek (Charly Hübner) macht sich an die Sisyphos-Arbeit, die schlimmsten Lecks zu reparieren.

In den acht jeweils knapp einstündigen Episoden passiert erstaunlich wenig. Während sich viele Serien in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten gegenseitig darin überboten, immer noch mehr Handlungsstränge zu verzahnen und mit einem unübersichtlichen Personal-Tableau zu verwirren, das auch einem Roman-Wälzer von Dostojewski zur Ehre gereichen würde, konzentriert sich „Hausen“ bis zum Showdown darauf, eine Mystery-Atmosphäre zu entwickeln und schickt die Hauptfigur, den Hausmeister-Sohn Juri (Tristan Göbel), durch ein Albtraum-Tableau.

Bemerkenswert macht „Hausen“, dass sich hier ein Who is Who der deutschen Theater- und Film-Schauspiel-Szene einen Wettbewerb liefert, wer am kaputtesten auftritt.

Nur den 7. Platz erreichte Charly Hübner vom Schauspielhaus Hamburg, der in „Hausen“ gegen die Windmühlen des Spuk-Plattenbaus kämpft und dabei so zerknautscht und kaputt ist, wie man ihn aus dem Rostocker „Polizeiruf“ kennt.

Der 6. Platz geht an Karin Neuhäuser vom benachbarten Thalia Theater in einem Kurzauftritt als schrullige alte Hexe und Wahrsagerin.

Rang 5 gebührt Constanze Becker vom Berliner Ensemble, die als Zombie durch die letzten Episoden geistert.

Der 4. Platz geht an Lilith Stangenberg aus vergangenen Volksbühnen-Tagen, die als verzweifelte Mutter in prekärsten Verhältnissen nach dem Verschwinden ihres Babys so fertig und derangiert wirkt, als hätte sie gerade 14 Stunden Frank Castorf hinter sich.

HAUSEN, LAGO FERNSEHEN 2019

Knapp vor ihr liegt auf dem 3. Platz Peter Kurth, der sich nach Engagements bei Armin Petras am Berliner Maxim Gorki Theater und am Schauspiel Stuttgart vor allem auf Kino und TV konzentriert, und sich sturzbesoffen am Küchentisch einnässt.

Über den 2. Platz darf sich Daniel Sträßer freuen, der dem Wiener Burgtheater den Rücken kehrte und sich an der Seite von Vladimir Burlakov durch den „Tatort“ aus Saarbrücken modelt. Mit strähnigen Haaren und glasigen Augen spielt er den drogensüchtigen Partner von Lilith Stangenbergs Figur.

Aber niemand kommt an Alexander Scheer vorbei: der Ex-Volksbühnen-Star und täuschend echte David Bowie-Imitator im Hamburger „Lazarus“ Musical streift als bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Zottel-Wesen durch die Keller und Schächte des Plattenbaus.

Zwischen all den deprimierten, kaputten Gestalten darf nur eine strahlen: Sandra Hüller in einem Kurzauftritt als fürsorgliche Krankenschwester.

Die Serie „Hausen“ ist seit Halloween 2020 auf Sky abrufbar. Nächster Sendetermin auf Sky Atlantic ist der 6.2.2021.

Bilder: Sky

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