Das weiße Dorf

Ruth und Ivan haben sich getrennt: die Karriere-Pläne der beiden waren nicht mehr kompatibel. Als High-Performer muss man da eben Prioritäten setzen. Jahre später treffen sie sich zufällig auf einer Amazonas-Kreuzfahrt wieder und belauern sich an der Reling.

Verkrampft stehen Ruth (Naemi Latzer) und Ivan (Johannes Benecke) am Bühnenrand. Gekünsteltes, affektiertes Lachen und abgehackte, roboterhafte Bewegegungen begleiten ihren Small-Talk, in dem sich beide gegenseitig versichern, wie erfolgreich sie doch seien. Die österreichische Autorin Teresa Doppler führt in ihrem Stück „Das weiße Dorf“ zwei Menschen vor, die mit Worthülsen um sich werfen und mit Hochglanz-Fassaden ihre innere Leere überdecken wollen.

Hinter all den Floskeln und Erfolgs-Statusmeldungen wird aber doch spürbar, dass es zwischen den beiden noch knistert, obwohl sie dies abstreiten und mit neuen Partner*innen an Bord gegangen sind. In ihrem Bemühen, das Terrain zu sondieren, sich aber keine Blöße zu geben, werden ihre Bewegungen noch staksiger und verkrampfter. Uraufführungs-Regisseurin Valerie Voigt kontrastiert die Beziehungsunfähigkeit der beiden mit dem Pas de deux, den ein zweites, stummes Paar (Hugo Le Brigand/ Julia Müllner) im Wasserbecken zu Füßen von Ruth und Ivan tanzt: innig, zärtlich, eng umschlungen.

Im Frühjahr 2019 wurde „Das weiße Dorf“ von Teresa Dopler beim Heidelberger Stückemarkt mit dem Autor*innenpreis ausgezeichnet. Während in den vergangenen Jahren meist Collagen und Textflächen dominierten, wurde hier ein Text prämiert, bei dem sich klar definierbare Figuren gegenüberstehen. In ihrem High Performer-Stellungskrieg drehen sie sich allerdings im Kreis: etwas zu lang ist dieser Text geraten, da der Grundkonflikt schnell erzählt ist und dann zum Loop erstarrt.

Die Uraufführung im Wiener Theater Drachengasse konnte im Januar leider nur vor wenigen ausgewählten Presse-Vertreter*innen stattfinden. Der Mitschnitt war am 29. Januar 2021 auf der Website des Theaters abrufbar. Unklar ist noch, wann das Stück auch live vor größerem Publikum gezeigt werden kann.

Bild: Andreas Friess/picturedesk

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