Das Theater und sein Double. Eine Projektion

Zaghaft hüstelt Jeremy Mockridge. Sein Regisseur Kieran Joel ist sichtlich unzufrieden. Kein Vergleich zu dem sechsstündigen, vielstimmigen Husten-Konzert, das meine Sitznachbarin im Januar 2019 im Berliner Ensemble anführte. Aus allen Ecken des Zuschauerraums im traditionsreichen Haus am Schiffbauerdamm trompeten damals die Schnupfen-Triefnasen, rasselten die Lungenfügel und röchelten Hustensalven, getriggert von den Pest-Monologen von Jeanne Balibar und Andreas Döhler auf der Bühne, bis das Publikum ermattet in die Sessel zurücksank.

Frank Castorf verschnitt damals Bertolt Brechts „Galileo Galilei“-Lehrstück mit dem Essay „Das Theater und die Pest“, in dem Antonin Artaud eine Theater-Revolution forderte: ein Theater der Trance und der Rauschzustände. Jeremy Mockridge beschmiert sich literweise mit Kunstblut und schreit sich die Seele aus dem Leib. Doch Kieran Joel schüttelt immer wieder den Kopf: Nein, online springt für ihn kein Funke über. Die große Theater-Revolution, die Artaud in seinem Essay beschwört, will sich nicht einstellen.

Bernhard Dechant, Wiener Schauspieler und Regisseur einiger politischer Arbeiten zur Flüchtlingskrise wie „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ (2015) oder „Traiskirchen. Das Musical“ (2017), war eigentlich als Spieler für diesen Artaud-Trip vorgesehen und stand damit auch im Juni im Kölner Theater im Bauturm auf der Bühne, als das kulturelle Leben nach dem 1. Lockdown langsam wieder in Fahrt kam. Im November sollte die Inszenierung „Das Theater und das Double“ fortentwickelt werden, aber Dechant saß in Wien im Lockdown fest. Mockridge, der im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin engagiert ist und zuletzt bei René Pollesch und in Anne Lenks Setzkasten-Version der „Maria Stuart“ zu sehen war, hatte plötzlich zu viel Zeit und sprang ein.

Heraus kam ein Theaterfilm, der den Prozess voller verzweifelter Mailbox-Nachrichten ironisch nachzeichnet, aber vor allem eine witzige Reflexion über das Theater ist: wie es ist und wie es sein soll, gerade in einer Zeit des Ausnahmezustands. So endet der Film denn auch nach weniger als einer halben Stunde mit einem Monolog des Regisseurs, der mit sich ringt, ob er den Film veröffentlichen soll oder ob es nicht konsequenter wäre, ihn zu vernichten und zu schweigen.

Bilder: Nazgol Emami/TiB

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